23 Mutmaßungen über Drachennester

Valorn machte eine Pause und sah zu uns auf. »Tavran hat erstaunlich viel über die Drachen in Erfahrung gebracht, wenn man bedenkt, dass nur einer über Maradeom gesehen wurde. Das meiste sind zwar nur hypothetische Überlegungen, aber es ergibt Sinn. Im Gegensatz zu den Menschen sollen die Velheyn zu Beginn direkten Kontakt zu Eloindha gehabt haben. Was sie über die Götter wissen, sollte also stimmen.«
»Das heißt, die Götter waren früher Drachen?« Ich runzelte die Stirn. Davon hatte ich mein ganzes Leben noch nie gehört. Ich wusste zwar, dass es früher viele Götter gegeben hatten und dass nur zwei von ihnen den Krieg der Götter überlebt hatten, aber das war es auch schon. Über das Verhältnis der Velheyn zu ihrer Schöpferin Eloindha wusste ich nichts und von den Menschen will ich gar nicht erst anfangen.
Es ist ohnehin offensichtlich, dass sich die einfachen Menschen nicht mehr an ihren Ursprung erinnern: Sie verehren mittlerweile viele verschiedene Götter, können sich aber nicht einmal mehr an den Namen ihres Schöpfers erinnern. Daraus etwas zu schließen, wäre definitiv unmöglich gewesen.
Valorn zuckte mit den Schultern. »Möglich wäre es.«
»Dann dürfte es gefährlich werden, sie aufzusuchen.« Alha blickte besorgt zu mir, doch ich lächelte nur.
»Nur weil sie noch älter sind als die Götter, heißt das nicht, dass sie nicht umgänglich sind.«
»Tavran ist jedenfalls nie zurückgekehrt.«
Ich nickte. »Das könnte aber auch ganz andere Ursachen haben. Und außerdem: Die Vision hat doch definitiv gezeigt, dass ich auf einen Drachen stoße. Selbst wenn sie also gefährlich sind und mir nicht freundlich gesinnt wären, würde es doch trotzdem passieren. Also können wir uns auch einfach überraschen lassen.«
Valorn schnaubte. »Dein Optimismus in allen Ehren, aber Alha hat nicht ganz unrecht. Wenn wir einem begegnen, ohne genaue Informationen zu besitzen, könnte das ein übles Ende nehmen. Wir müssen uns entsprechend vorbereiten, bevor wir uns auf den Weg machen.«
Ich nickte. Dagegen konnte ich kaum etwas einwenden. Der Weg von meinem Dorf nach Rogulda war kurz, daher hatte ich einfach aufbrechen können, und bei der Reise von Rogulda zum Schrein der Tadelda hatten sich die Edélin um alles gekümmert. Dieses mal würde das anders aussehen. Sicher würden uns die Edélin aus Carlean helfen, aber da niemand so genau wusste, was uns eigentlich erwartete, mussten wir uns letztlich auf uns selbst verlassen.
»Was sagt Tavran eigentlich darüber, wo man die Drachen finden kann?«
»Hm …« Valorn wandte sich wieder dem Papier zu und schon das Vergrößerungsglas weiter.
»Das in Maradeom gesichtete Exemplar flog in südliche Richtung weiter, wo sich schließlich seine Spur verlor. Es lässt sich somit nicht genau sagen, wo sich dieser Drache niedergelassen hat. Nach all den Jahren ist ohnehin fraglich, ob er sich noch an diesem Ort aufhalten würde. Gleichzeitig ist es sogar möglich, dass er lediglich aus Neugierde über die anderen Reiche geflogen ist, und anschließend in seine Heimat zurückkehrte.
Die einfachste Möglichkeit, einen Drachen zu finden, sollte also sein, den Startpunkt dieser Reise herauszufinden. Wie bereits erwähnt, kam der Drache aus westlicher Richtung nach Maradeom und wurde dort auch über Ellysrha gesichtet. Meine Befragungen ergaben, dass der Drache sich auch dort von Westen Richtung Osten bewegte.
Westlich von Ellysrha liegt Resodrham, in dem sich der Legende nach die dunkle Energie ausgebreitet haben soll, die durch den Krieg der Götter freigesetzt wurde. Zwar habe ich das Reich auf meinen Reisen noch nicht betreten, jedoch verströmt es bereits aus der Ferne eine dunkle Energie, wie sie uns in Maradeom nur aus den Aufzeichnungen über den alten Tempel des Götterordens bekannt ist.«
Valorn brach ab und runzelte die Stirn. »Der alte Tempel des Götterordens ist der Ort, an dem die mischblütige Hexe Saraë ursprünglich eingesperrt war. Angeblich sollen in den Kellergewölben zudem ein oder zwei Gegenstände mit zerstörerischer Kraft aufbewahrt worden sein. Ein ganzes Reich mit solcher Energie …« Er schüttelte den Kopf und seufzte, bevor er weiterlas.
»Da das Reich entsprechend nicht bevölkert ist, lassen sich hier keine weiteren Befragungen bezüglich des Drachen durchführen. Der einzige weitere Anhaltspunkt sind daher erneut die Geschichten der Velheyn über die Götter und deren Herkunft: Die Götter lebten ursprünglich im Süden. Ich halte es daher für wahrscheinlich, dass auch die Drachen im Süden leben, unter Umständen sogar noch weiter südlich als die Götter zuvor.
Geht man davon aus, dass der Drache tatsächlich von seiner Heimat aus aufbrach und über die drei Reiche Resodrham, Ellysrha und Maradeom flog, um am Ende wieder in seine Heimat zurückzukehren, würde man ebenfalls einen Ort im Süden als seine Heimat annehmen müssen. Die größte Wahrscheinlichkeit, einen Drachen zu finden, besteht also in der Region südlich dieser drei Reiche. Am ehesten vermute ich das Nest der Drachen dabei in direkt südlicher Richtung von Ellysrha, also im Südwesten Maradeoms.
Da keine weiteren Informationen vorliegen, wird es sich nicht vermeiden lassen, in diesem Gebiet eine Suche durchzuführen. Da ich nicht einzuschätzen vermag, wie groß Resodrham ist, halte ich es für das beste, die Suche von Ellysrhas Dorleyma-Region aus zu reisen, die den südwestlichsten Teil des Reiches bildet. Südlich davon liegt zuerst das Gebiet der Aldhar, die ich bisher noch nicht zu den Drachen befragen konnte. Je nachdem, was sie mir eventuell noch mitteilen können, werde ich meinen Plan anpassen. Ansonsten werde ich zuerst nach Süden reisen und dann in regelmäßigen Abständen nach Osten und Westen vordringen, um mir einen besseren Überblick über das Gebiet zu verschaffen.«
Valorn blickte zu uns auf, als er das Ende des Blattes erreicht hatte. »Seine Überlegungen klingen schlüssig. Wir könnten Tavrans Spur folgen …«
Ich schürzte die Lippen. Von Maradeom aus nach Ellysrha und dann weiter in den Süden, um Drachen zu finden? Das klang nach einer Reise, die ich gern unternehmen würde. Andererseits hatte ich noch nicht einmal alles von Maradeom gesehen. »Vielleicht sollten wir von Maradeom aus in den Süden reisen. Es könnte ja sein, dass Tavran es nie geschafft hat, die Heimat der Drachen zu erreichen.«
Valorn nickte. »Für mich in Ordnung. Was meinst du, Alha?«
Die Tadelda nickte ebenfalls. »Ich wüsste nicht, was dagegen sprechen sollte. Wer weiß? Vielleicht finden wir den roten Drachen von damals ja doch in Maradeom?«

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