22 Der Ursprung der Drachen

Valorn öffnete das Fach unter dem Tisch und zog eine Schriftrolle hervor.
»Ist das alles?« Ich hatte damit gerechnet, dass Tavran jede Menge Aufzeichnungen hinterlassen hätte, wenn er sich wirklich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hatte, wie Vherin erzählt hatte.
Valorn runzelte ebenfalls die Stirn, beugte sich vor und tastete mit der Hand im Fach umher. Er schüttelte den Kopf. »Nichts weiter.«
»Vielleicht ist das ja seine Zusammenfassung.« Ich zuckte hilflos die Schultern. Im Moment sah es eher so aus, als hätte Tavran nicht viel herausgefunden, sich auf gut Glück auf den Weg gemacht und wäre deshalb ums Leben gekommen. Uns auf seine Aufzeichnungen zu verlassen, schien doch keine so gute Idee zu sein.
Valorn presste die Lippen zusammen. Er schien genauso zu denken wie ich.
»Schauen wir einfach nach.« Alha beugte sich über Valorns Schulter und blickte mit auf das Blatt, als er es aufrollte.
Im ersten Moment wusste ich nicht genau, was wir da vor uns hatten. Das Papier war mit dicke Linien versehen, die immer mal wieder in die eine oder andere Richtung ausschlugen. Mit ein bisschen Abstand betrachtet, sah es wie die abstrakte Zeichnung von Wellen auf dem Meer aus.
Auch Valorn und Alha starrten darauf, ohne so recht etwas damit anfangen zu können. »Das ist …« Valorn hielt sich das Blatt dichter vors Gesicht, bevor er es missmutig sinken ließ. »Er hatte wohl zu viel, was er aufschreiben wollte. Das hier ist tatsächlich Tavrans Schrift.« Seufzend legte er die Schriftrolle ab und sah sich um. Von einem der anderen Tische holte er ein Vergrößerungsglas, legte es auf die Schriftrolle und setzte sich an Tavrans Schreibpult.
Die Wörter waren durch das Glas besser zu erkennen, doch selbst damit konnte ich stehend nur den ungefähren Umriss eines Wortes sehen. Valorn beugte sich dichter über die Schriftrolle und begann zu lesen.
»Vor gut einem halben Jahrtausend berichtete man sich in Maradeom von einem roten Wesen, das aus dem Westen kommend wie ein Vogel durch die Lüfte flog und im Süden verschwand. Das Wesen soll jedoch so groß gewesen sein, dass es vom Boden aus gut mit bloßem Auge erkennbar war. Man beschrieb es als wie eine Schlange beschuppt, jedoch mit zwei Flügeln, die etwa von gleicher Größe wie sein Rumpf waren und statt mit Federn nur aus ledriger Haut oder ebenfalls roten Schuppen bestanden.
Auf meinen Reisen nach Ellysrha konnte ich in Erfahrung bringen, dass dieses Wesen dort ebenfalls gesichtet wurde. Aufgrund einer alten Legende der Velheyn, die noch auf die Zeit der Götter zurückgeht, bezeichnet man es dort als ›Ealenn‹. Die Beschreibung des Wesens ist ähnlich, wenn auch detaillierter: Die Velheyn geben an, dass die Schuppen des Drachen eine raue Obenflächenstruktur aufwiesen und seinen Körper auf allen Seiten umgaben. Die Flügel bilden hierbei die einzige Ausnahme: Sie sind nur auf der oberen Seite von Schuppen bedeckt, die untere Seite besteht aus Haut, die — wie auch bei uns beobachtet — lederartig ist.
Das Wesen besitzt neben dem Flügelpaar auch vier Beine, die in Pranken mit vier oder fünf Krallen enden. Die Augen des Wesens sollen golden und einem Reptil oder einer Raubkatze ähnlich sein mit einer ovalen Pupille und einer Iris, die sich fast bis an den Rand des Auges ausdehnen kann.
Insgesamt kann das Wesen also als reptilienartig beschrieben werden, ist jedoch weiter entwickelt als alle uns bisher bekannten Arten.
Glaubt man der Legende der Velheyn, besitzen diese Wesen auch hohe Intelligenz. Dieser Geschichte zufolge sollen die Drachen bereits länger als Menschen oder Edél auf unserer Welt leben und sogar die früheren Götter überdauert haben. Tatsächlich wird sogar davon ausgegangen, dass die ehemaligen Götter von den Drachen abstammen, da sich der Kriegsgott Arhed angeblich in einen goldenen Drachen verwandeln konnte. Zudem sollen die Götter ebenfalls im Süden gelebt haben.
Um zu beurteilen, ob tatsächlich eine Verbindung zwischen den Drachen und Göttern besteht, müsste allerdings ein Exemplar genauer untersucht werden. Allerdings können auch über die Götter nur anhand ihrer Schöpfungen und der überlieferten Geschichten Mutmaßungen angestellt werden.
Die Geschichte von Arhed als goldener Drache legt aber zumindest eines nahe: Die Drachen kommen in verschiedenen Gestalten, vielleicht sogar in verschiedenen Arten, daher. Da in Maradeom bisher nur ein einziger Drache gesichtet wurde, kann hierzu keine genauere Aussage gemacht werden. Da golden und rot jedoch sehr auffällige Farben sind, gehe ich davon aus, dass sie eine Bedeutung im Volk der Drachen besitzen müssen, solange die Drachen nicht völlig ohne natürliche Feinde sind.
Auch diese Überlegung muss man wohl davon abhängig machen, in welcher Beziehung man die Drachen zu den Göttern setzen will: Durch ihre Schuppen sind sie vor körperlichen Angriffen gut geschützt, jedoch nicht unfehlbar in ihrer Verteidigung, wenn man beispielsweise die Flügel bedenkt. Über die körperliche Kraft der Drachen lässt sich ebenfalls keine genaue Aussage treffen. Allein ihre schiere Größe legt jedoch nahe, dass sie über gewaltige Kraft verfügen. Geht man nun von einer Verwandtschaft mit den späteren Göttern aus — welche ja zur Schöpfung von Völkern und zur weitreichenden Veränderung der Oberfläche der Welt in der Lage waren — so wäre auch die Verwendung von Magie ein denkbares Attribut der Drachen.
Die Magie der Aldhar und auch die der Menschen hier in Maradeom richtet sich nach den vier Elementen. Den Informationen aus den Geschichten nach lässt sich auch die Magie der Götter grob in diese Kategorien einordnen, wenn auch Ausnahmen wie Kräfte ähnlich derer der Tadelda häufiger unter ihnen waren. Ich gehe daher davon aus, dass die Drachen — so sie denn Magie besitzen — ebenfalls die Magie der vier Elemente beherrschen und zusätzlich über weitere magische Fähigkeiten verfügen.
Weitere Schlüsse über das Volk der Drachen lassen sich meines Erachtens nicht zuverlässig schlussfolgern. Zur Überprüfung meiner Überlegungen und um weitere Eigenschaften der Drachen kennenzulernen, wird es notwendig sein, mindestens einen Vertreter ihrer Art zu finden.«

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