20 Die Geheimnisse der Edélin

Das Hauptquartier der Edélin, das einst ebenso das Hauptquartier des Götterordens im Alten Cavail gewesen war, hatte man aus schwarzen und weißen Steinen gebildet, die sich auf dem Platz um das Gebäude herum fortsetzten. Valorn hatte keinen Blick dafür übrig, nachdem er vermutlich schon hundertmal hier gewesen war. Stattdessen begrüßte er den Edélin am Haupteingang und führte uns nach drinnen.
Wir folgten etlichen Gängen und stiegen umso mehr Treppen hinab, bis wir schließlich an einer eisenbeschlagenen Holztür angelangten. Vielleicht wäre es angebrachter, von einem Tor zu sprechen, wenn ich bedenke, dass es zwei Flügel hatte, die beide mehr als ausgereicht hätten, um uns drei gemeinsam hindurch treten zu lassen.
Auch von diesem Tor nahm Valorn kaum Notiz. Er hob die Hand, berührte einen Stein an der Wand und schon schwang das Tor lautlos auf.
Alha folgte ihm nach drinnen, doch ich blieb stehen und betrachtete den Stein nachdenklich. Ich hatte einen Edélin und eine Tadelda getroffen, was schon mehr war, als viele von sich behaupten konnten. Von den beiden Visionen, einmal in Alhas Wasserschale und dann in der Heiligen Quelle, wollte ich gar nicht erst anfangen. Aber tatsächlich hatte ich bisher noch keine große Magie gesehen, die das überstieg, was der normale Magie in Maradeom bewerkstelligen konnte.
Hätte Valorn seine eigene Windmagie benutzt, um das Tor zu öffnen, wäre ich nicht wirklich fasziniert gewesen. Ich war selbst Windmagier. Wer von uns hatte nicht schon einmal seine Magie benutzt, um eine Tür zu öffnen, wenn er etwas mit beiden Händen tragen musste? Aber dass ein Stein eine Tür öffnen konnte, das war mir neu.
Ich beugte mich vor und versuchte herauszufinden, was für ein magisches Artefakt dieser Stein wohl sein musste. Gewiss hatte er besondere Kräfte, dass man ihn im Hauptquartier der Edélin einsetzte. Ganz gewiss hatte ich so etwas noch nie zuvor gesehen.
»Talliwen?« Valorn und Alha waren stehen geblieben, als sie bemerkten, dass ich ihnen nicht gefolgt war. »Was ist los?«
Ich deutete auf den Stein. »Was ist das?«
Valorn zog die Brauen zusammen und kam zurück. Er betrachtete die Wand, bevor er wieder zu mir sah. »Was?«
»Das?« Ich streckte die Hand danach aus, aber traute mich nicht, den Stein tatsächlich anzufassen.
Valorn runzelte die Stirn. »Ein Stein?«
Wir sahen einander an. Auch ich konnte nicht mehr anders, als die Stirn zu runzeln. »Ja, aber was für ein Stein?«
»Ein Feldstein, nehme ich an. Man hat die ersten Gebäude Carleans mit dem erbaut, was man in der näheren Umgebung finden konnte.«
»Aber … Du konntest die Tür damit öffnen.« Zugegeben, der Stein sah wirklich aus wie ein gewöhnlicher Feldstein, aber genauso wie nicht alles Gold war, was glänzte, konnte sicher auch ein gewöhnlich aussehender Stein besondere Kräfte besitzen.
Valorn seufzte. »Der Stein wurde mit einem Zauber belegt, der alle Formen von Magie umwandeln kann. Das Tor ist es zu schwer, um es allein zu öffnen.« Er deutet nach drinnen.
Ich seufzte ebenfalls, ließ den Kopf hängen und folgte ihm. Nur ein Stein, der Magie umwandelte? Das klang nicht nach dem, was ich erwartet hatte. Wenn man bedenkt, dass jeder in Maradeom nur eine Form Magie beherrscht, ist so ein Stein natürlich nicht ganz ohne seinen Nutzen. Aber gegenüber dem, was ich mir vorgestellt hatte, fand ich es schon recht enttäuschend. Ich konnte nur hoffen, dass es in den Archiven, von denen Valorn mir erzählt hatte, besser aussah.
Der Raum hinter dem Tor war von Regalen und Tischen gefüllt, die alle Arten von Schriften beherbergten: Bücher, Schriftrollen, einzelne Blätter Papier, tönerne Tafeln, steinerne Tafeln, selbst mit Worten bestickte Stoffe … Es schien nichts zu geben, was nicht in irgendeiner Form beschrieben war. Bei diesem Anblick begann ich zu glauben, was Valorn gesagt hatte: Wenn es einen Ort gab, an dem wir etwas über die Drachen herausfinden konnten, dann hier.
Valorn allerdings machte sich nicht daran, in den Schriften zu suchen, sondern ging zu einem Edélin, der am Rand des Archivs unweit des Tors an einem Schreibpult saß und eine Schriftrolle mit einem Vergrößerungsglas betrachtete.
»Vherin.« Er nickte dem Mann zu. »Ich bin Valorn aus Rogulda und auf Thajirs Befehl hier, diesen Mann bei der Suchen nach Informationen zu unterstützen. Es scheint Anzeichen dafür zu geben, dass die Drachen zurückkehren könnten und sein Schicksal mit dieser Entwicklung verbunden ist. Gibt es jemanden in Carlean, der sich genauer mit diesem Gebiet auseinander gesetzt hat?«
Vherin, der andere Edélin, fuhr sich über den Bart. Er schien mindestens sechzig Jahre zu sein, wenn man danach ging, dass sich sein Haar und sein Bart beide schlohweiß gefärbt hatten und eine Vielzahl von Fältchen um den besten Platz in seinem Gesicht wetteiferten. »Jemand, der sich mit Drachen und dergleichen auskennt?«
Valorn nickte.
»Es gab jemanden«, meinte Vherin und zog die Wörter in die Länge, als wollte er möglichst viel von seiner Antwort haben. »Tavran, wenn ich mich recht entsinne.«
»Gab? Ist er nicht mehr in Carlean?«
Vherin ließ die Hand sinken und schüttelte den Kopf. »Das ist schon zwanzig Jahre her.«
»Zwanzig Jahre?« Valorn runzelte die Stirn. Es war offensichtlich, dass er diesen Tavran hätte kennen müssen, wenn er seit zwanzig Jahren in Rogulda war. Da ihm der Name nichts zu sagen schien, musste das wohl heißen, dass er sich an einem völlig anderen Ort befand. »Wo ist er dann?«
»Wenn ich das wüsste …« Vherin legte sein Vergrößerungsglas zur Seite, erhob sich und streckte seinen Rücken. »Eine merkwürdige Geschichte ist das«, begann er zu erzählen. Valorn verzog das Gesicht, kaum dass er sich fortdrehte. Er hatte offensichtlich nicht das Bedürfnis, mehr darüber zu hören. Er wollte nur wissen, von wem wir etwas von den Drachen erfahren konnten und wo wir denjenigen fanden. Vherin jedoch schien erpicht darauf, die Geschichte von Tavran zu erzählen.
»Sehr merkwürdig in der Tat.« Vherin beachtete Valorn nicht und schien nur noch langsamer zu sprechen, während er das Pult umrundete und auf uns zukam. Sein Blick fuhr von Valorn zu mir weiter und er lächelte. »Ah, junger Mann. Ihr seid kein Edélin. Vermutlich habt Ihr nie von Tavran gehört?« Leben kam in seine kleinen Augen. Diese Geschichte musste wirklich außerordentlich sein.
Ich schüttelte den Kopf. »Noch nie.«
»Nun, dann lasst mich Euch die Geschichte erzählen. Wenn Ihr die Drachen suchen wollt, dann wird Euch das von großem Nutzen sein.«

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s