19 Aufgeschoben ist nicht aufgehoben (Oder: Lasst uns zuerst die Drachen finden)

Weder Alha noch Valorn konnten auf die Schnelle angemessen reagieren. Die beiden starrten mich nur an. Aus Valorns Gesicht war jede Farbe gewichen und ich sah ihn tief einatmen, als müsste er sich beruhigen oder würde sich gerade darauf vorbereiten, mich anzuschreien.
Alha auf der anderen zeigte die gegenteilige Reaktion: Ihre Wangen röteten sich und während Valorn dazu überging, mich finster anzusehen, wandte sie den Blick ab.
»Das wäre eine Frage, die er mir schon selbst stellen müsste.«
Valorn blinzelte und der Sturm, der sich auf seinem Gesicht zusammengebraut hatte, verzog sich genauso schnell, wie er gekommen war. Vermutlich war ihm ebenfalls aufgegangen, dass sie nicht unbedingt abgeneigt klang.
Er räusperte sich und schien etwas sagen zu wollen, doch dann verstummte er mit einem Stirnrunzeln. Vermutlich wusste er nicht, was er in so einer Situation sagen sollte.
Ich überlegte. »Vielleicht kommt das ja noch …«
Die beiden wichen dem Blick des jeweils anderen so offensichtlich aus, dass ich nicht wusste, ob ich lieber lachen oder weinen sollte. Ja, ich hatte auch gut reden. Von außen betrachtet war die Situation offensichtlich und leicht zu lösen. Für die beiden, die sie direkt betraf, sah die Sache anders aus.
Mit einem Mal war ich nicht länger sicher, ob meine Einmischung so eine gute Sache war wie gedacht oder vielleicht doch eher Probleme verursacht hatte.
Mit diesem Gedanken wechselte ich das Thema: »Wo wir gerade bei dem sind, was noch kommt … Was glaubt ihr, können wir in Carlean zu den Drachen finden?«
Valorn wirkte richtiggehend erleichtert über den Themenwechsel und war sofort voll bei der Sache. »In Carlean sollte es jemanden geben, der sich mit alten Aufzeichnungen beschäftigt. Drachen bereits gesichtet wurden, sollte er uns auf jeden Fall etwas über ihre Route sagen können. Wenn wir genauer wissen, woher sie kamen und wohin sie geflogen sind, können wir vielleicht ihren momentanen Aufenthaltsort herausfinden.«
»Und dann gehen wir dorthin?«
Valorn nickte knapp. »Das wäre jedenfalls mein Vorschlag. Unser einziger Anhaltspunkt ist, dass du irgendwie mit den Drachen in Berührung kommen wirst. Die einfachste Möglichkeit, das zu erreichen, wäre sie selbst aufzusuchen. Am besten wäre es natürlich, wir könnten mehr über deine Zukunft herausfinden …« Sein Blick fuhr kurz zu Alha, die bei der Erwähnung von Zukunft ebenfalls aufsah. Ihre Blicke trafen sich und sie sahen genauso schnell wieder fort.
Ich seufzte. Meine Einmischung hatte wohl wirklich eher Probleme verursacht. Auch wenn ich es gut gemeint hatte, würde ich fortan wohl besser daran tun, mich aus privaten Angelegenheiten herauszuhalten. Ganz besonders, wenn ich die Betroffenen noch nicht so lange kannte. Ich hatte dieses Mal geglaubt, mit einem Schubs in die richtige Richtung würden Valorn und Alha das selbst hinbekommen, aber offensichtlich hatte ich sie falsch eingeschätzt. Es schien eher, als wären sie durch den Schubs aufeinander zugetaumelt, nur um anschließend so schnell sie konnten davon zu rennen.
Ich seufzte erneut und schob den Gedanken davon. Für den Moment war es wirklich besser mich auf das zu konzentrieren, weswegen wir die Reise zum Schrein der Tadelda überhaupt begonnen hatten: Mein Schicksal.
»Was machen wir, wenn wir nicht herausfinden können, wohin sie geflogen sind?«
»Dann könnten wir den Ort aufsuchen, von dem sie am wahrscheinlichsten gekommen sind. Ich halte es für das Wichtigste, über die Aufzeichnungen einen Ort zu finden, an dem wir mehr erfahren können.«
»Dann werden wir wirklich echte Drachen sehen.« Ich konnte es noch nicht so wirklich glauben, doch nach dem Hinweis auf das Archiv in Carlean, schienen wir der Spur der Drachen um einiges näher gekommen zu sein.
Ich hätte Valorn gern noch mehr gefragt, doch nach meiner unbedachten Frage an Alha fühlten sich die beiden offensichtlich unwohl. Ganz abgesehen davon hatte Valorn auch in Rogulda nicht den Eindruck gemacht, als kenne er sich mit den Drachen allzu gut aus. Offenbar war das ein Themengebiet, das selbst bei den Edélin zum Spezialwissen gehörte.
So jedenfalls verbrachten wir die restliche Zeit der Reise in angespanntem Schweigen. Als die Umrisse von Carlean am Horizont auftauchten, war ich in mehrfacher Hinsicht erleichtert: Zum einen hatte endlich das Schweigen ein Ende, zum anderen würde ich endlich diese Archive sehen und bald schon einen Drachen oder sogar ein paar mehr. Wenn ich ehrlich war, freute ich mich darauf.
Carlean war das, was man eine typische Stadt nennen konnte. Womit ich sagen will: Genau wie Rogulda und die anderen großen Städte Maradeoms umgab sie eine steinerne Mauer und in der Mitte der Stadt ragte ein Gebäude in die Höhe, dem man schon aus großer Entfernung seine Wichtigkeit ansehen konnte.
Auch Valorn neben mir atmete auf. »Das dort ist das Hauptquartier der Edélin in Carlean. Wir sollten uns direkt dort melden. Sollten die Drachen tatsächlich zurückkehren, ist das von äußerster Wichtigkeit.« Er gab dem Pferd die Sporen und preschte voran. Kam es nur mir so vor oder klangen seine Worte nach einer schlechten Ausrede?
Ich blickte zu Alha hinüber, die mich nur missmutig anlächelte. In ihrem Gesicht schien geschrieben zu stehen ›Was hast du mich gefragt, ob ich Ja sagen würde? So wie Valorn sich verhält, wird er nie die dazugehörige Frage stellen.‹
Ich konnte nicht wirklich behaupten, dass das nicht stimmte. Offenbar war das Problem in dieser Beziehung Valorns Unsicherheit. Und ich kann kaum glauben, dass ich diesen Begriff in Bezug auf einen Edélin äußern muss. Normalerweise werden die Elitemagier wie Heilige in Maradeom verehrt und ich hatte mein Leben lang nicht anders über sie gedacht, obwohl ich wenig von ihnen wusste. Valorn allerdings ließ dieses Bild ein wenig bröckeln. Sollte er sich nicht irgendwie … bestimmter verhalten?
Kopfschüttelnd folgten wir ihm in die Stadt. Im Gegensatz zu Rogulda kontrollierte an den Stadttoren niemand die Leute und so ritten wir einfach die Straße hinauf, bis wir an das Gebäude kamen, in dem das Archiv der Edélin untergebracht war.

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