17 Farben der Geschichte

Ich verbrachte die Nacht damit, mir vorzustellen, was mich im sagenumwobenen Carlean alles erwarten würde. Entsprechend übermüdet war ich, als Valorn mich am nächsten Morgen weckte.
Ich rieb mir über die Augen und schob die Decke von mir. »Hast du schon mit Alha gesprochen?«
»Ja. Wir brechen auf, sobald du fertig bist. Hier am Schrein gibt es für uns nichts mehr zu tun.«
Ich hielt inne. Wenn ich bedachte, wie viel Zeit Valorn auf unserem Weg von Rogulda zum Schrein im Grunde vertrödelt hatte, war dieser schnelle Aufbruch mehr als überraschend. »Müssen wir an einem bestimmten Tag in Carlean eintreffen?«
Valorn hob die Brauen. »Wie kommst du darauf?«
»Es ist sonst nicht gerade deine Art, dich so zu beeilen …«
Valorn runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Aber wir sollten jetzt wirklich los.« Er wartete meine Antwort nicht einmal mehr ab, verließ den Raum und ließ die Tür hinter sich offen.
Verdutzt blickte ich ihm nach. Er schien es ganz schön eilig zu haben, den Schrein zu verlassen. Vermutlich fürchtete er immer noch, Alha könnte hierbleiben, wenn er ihr die Chance oder auch nur zu viel Zeit ließ. Ich seufzte und nahm mir insgeheim vor, ihm während der Reise nach Carlean unter die Arme zu greifen. Mit einem letzten Blick durch den Raum folgte ich ihm. Es konnte schließlich sein, dass ich nie wieder an den Schrein kam. Ich wollte nichts verpassen.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich tags zuvor, als wir am Schrein ankamen, nicht wirklich umgesehen hatte. Nach meiner Zukunftsvision war ich in Gedanken so beschäftigt gewesen, dass ich nichts um mich herum wahrnahm. Entsprechend erstaunt war ich, als ich Valorn die Treppe auf der anderen Seite des Gangs hinabfolgte. Es war nicht die Treppe selbst, die mir hätte auffallen sollen, es war die Wand ringsherum:
Ein Schloss auf einer weiten Ebene zeigte sich darauf, dessen Fenster im Dunkel der Nacht hell erleuchtet waren. Ich blieb stehen und betrachtete die andere Seite: Ein junges Paar war darauf zu sehen. Der Mann hielt die Hände der Frau und unter der Maske, die sie trug, zeigte sich ein strahlendes Lächeln.
Ich hatte keine Ahnung, was es mit diesem Bild auf sich hatte, und noch weniger verstand ich, wieso ausgerechnet im Schrein der Tadelda ein solches Liebespaar auf den Wänden abgebildet war.
Kopfschüttelnd ging ich weiter. Schon auf der nächsten Stufe sah ich die beiden aus dem Schloss fliehen, bevor sie sich irgendwo in einem Dorf niederließen, das so ganz anders wirkte als das Schloss zuvor. Offenbar hatten die beiden füreinander ihr sicheres Leben aufgegeben.
Die folgenden Bilder allerdings … Ich sah den Mann seine Rüstung anlegen und bald schon im Krieg fallen. Die Frau blieb allein zurück und zog ihren Sohn groß, der seinen Vater nie kennengelernt hatte. Nach ihrem Tod fand er sich in eben jenem Schloss wieder, aus dem seine Mutter zuvor geflohen war, und langsam dämmerte mir, was ich hier sah: Das Gemälde stellte die Geschichte Maradeoms dar.
Ich wusste nicht, wer die Frau und der Mann waren, auch wenn ich mir vorstellen konnte, dass die Frau womöglich Prinzessin Cavali war, die Tochter eines der Könige von Cavail. Es hieß, sie sei irgendwann aus dem Schloss verschwunden und nie zurückgekehrt. Die Geschichten über sie hatten sich bis zu diesem Tag gehalten, auch wenn niemand wusste, was wirklich geschehen war.
Ihren Sohn und die folgenden Ereignisse erkannte ich aber augenblicklich: Das war der Mann, der die Hexe Saraë bezwungen und Carlean zu einem Ort der Mischblüter gemacht hatte. Eben jener General, von dem ich euch bereits erzählt habe. Offenbar hatte es seine Gründe, dass er im Schloss von Cavail gelandet war, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte, jemals davon gehört zu haben, dass er zur Königsfamilie gehörte. Andererseits hätte der neue König sicher auch nicht gewollt, dass jemand davon erfuhr. Und selbst wenn es bekannt gewesen wäre: Hätte das Volk von Cavail, das die Mischblüter fürchtete, wirklich einen mischblütigen König akzeptiert?
Nachdenklich stieg ich die Treppe Stufe um Stufe hinab. Ich sah, wie der General mithilfe zweier menschlicher Magier und eines Velheyns die Hexe zur Strecke brachte. Ach ja, das ist etwas, das ich vergessen hatte zu erwähnen: In den Geschichten heißt es immer, er hätte gemeinsam mit einem Velheyn und einer menschlichen Magierin seine Tat vollbracht. Doch das Gemälde zeigte eindeutig, das noch ein zweiter menschlicher Magier anwesend war und sie sogar die Hilfe des Götterordens von Cavail erhielten.
Das war das erste Mal auf meiner Reise, das ich wirklich verstand, dass das, was wir von anderen hören, niemals das sein kann, was wir selbst erleben. Selbst wenn die Geschichten gestimmt hätten, es war etwas anderes, vor diesem Gemälde zu stehen und die Szenen zu verfolgen. Davon, wie es sein musste, selbst solche Geschichten zu erleben, konnte ich mir in diesem Moment nicht einmal eine Vorstellung machen. Ich wusste nur, dass ich auf meiner Reise so viel wie möglich erleben wollte.
Und offenbar würde das auch geschehen, denn nachdem ich in dem Gemälde sah, wie der General sich in Carlean niederließ und sein Sohn — der, wie ich ebenfalls an jenem Tag herausfand, niemand Geringeres als Inaj Avenin, der spätere König von Maradeom, war — Rogulda gründete, nachdem Tadelda dies bereits im Wasser des Telrenn gesehen hatte, erblickte ich etwas, das zum ersten Mal nicht nur eine Geschichte war, die ich vom Hörensagen kannte.
Am Ende der Treppe, als wir die Eingangshalle des Schreins der Tadelda betraten, sah ich mich selbst an der Wand. Ich sah, wie ich den Tempel erreichte, wie ich die Vision an der Heiligen Quelle empfing und wie ich schließlich das Gemälde entdeckte, zu dessen Teil ich geworden war.
Nach Alhas Vision und dem, was Valorn mir erzählt hatte, bestand noch immer Zweifel. Doch nachdem ich sah, mit welchen Personen ich dieses Gemälde im Schrein der Tadelda teilte, glaubte auch ich daran, dass meine Reise das Schicksal des Königreichs Maradeom verändern würde.

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