16 Neue Aussichten

Valorn sah aus, als hätte ihn der Blitz getroffen. Ich wartete geduldig, aber abgesehen davon, dass sein Blick hin und her huschte, reagierte er nicht. Mein Vorschlag schien ihn ziemlich überrumpelt zu haben.
»Weshalb nicht? Du magst sie, sie mag dich … Würde das dein Problem nicht lösen? Und falls sie wirklich hierher zurück will, würde sie dir das schon sagen, wenn du sie fragst.«
Endlich rang sich Valorn zu einer Antwort durch: »Das …« Leider brach er an dieser Stelle wieder ab und starrte angestrengt zu Boden.
Im Vergleich zwischen ihm und mir ist Valorn eindeutig der bessere Magier, mit großer Wahrscheinlichkeit ist er auch intelligenter als ich und außerdem wortgewandter. Das einzige, was ich ihm voraus habe, ist meine Offenheit.
Ich hatte es ganz am Anfang schon gesagt: Offen sein hilft. Nachdem mir klar wurde, dass ich Marai mochte, hatte ich sie einfach gefragt, ob sie mich zum Frühlingsfest begleiten würde. Ich wusste, sie würde vermutlich ablehnen, aber es hatte nicht schaden können, sie zu fragen. Valorn hingegen konnte sich nicht dazu durchringen, Alha zu fragen, ob sie ihn heiratete, obwohl seine Chancen, dass sie zusagte, wesentlich besser standen als meine bei Marai.
Ich kann es irgendwo verstehen, schließlich wäre es ein herber Schlag für ihn, wenn sie ablehnt. Aber andererseits: Was entgeht ihm, wenn er sie nie fragt? Was wäre, wenn Alha irgendwann glaubt, dass er sie nicht will, und deshalb einen anderen heiratet? Dann würde er sich jeden Tag fragen, was vielleicht aus ihnen hätte werden können, wenn er sie zuerst gefragt hätte.
»Das ist deine einzige Möglichkeit. Du bekommst die Antwort nur, wenn du die passende Frage stellst. Sie kann doch nicht erraten, was in deinem Kopf vor sich geht.«
»Schon, aber …« Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so einfach.«
Ich setzte dazu an, ihm zu sagen, dass er das immer wieder behauptete, aber noch kein gutes Argument gefunden hatte, als Valorn ziemlich offensichtlich das Thema wechselte: »Was hast du in der Quelle gesehen?«
Ich schluckte meine Worte herunter und ließ mich an den Tisch fallen. »Einen Raum mit vielen Büchern und eine Frau mit einem Schlüssel.« Das fasste es ziemlich gut zusammen.
Valorn runzelte die Stirn. »Ein Raum voller Bücher?« Er ließ sich mir gegenüber auf die andere Seite des Tisches fallen. »Wenn wir das in Zusammenhang mit der Vision sehen, die Alha dir gezeigt hat, könnte das das Archiv der Edélin in Carlean sein.«
»Carlean?« Ich richtete mich interessiert höher auf dem Stuhl auf. Carlean war eine besondere Stadt für die Bewohner Maradeoms. So besonders, dass selbst ich darüber Bescheid wusste: Bevor Maradeom offiziell von Inaj Avenin gegründet wurde, hatte Carlean in etwa den Status einer Hauptstadt für die Mischblüter.
Lasst mich das kurz erklären: Im ursprünglichen Reich Cavail lebten vorrangig Menschen, aber gerade an der Grenze ließen sich auch immer wieder die Edél aus dem Westen nieder, die über ewiges Leben und zum Teil auch über magische Kräfte verfügten. Ab und an kam es vor, dass sich trotz aller widriger Umstände ein Mensch in einen von ihnen verliebte. Kinder aus solchen Beziehungen sind es, die man als Mischblüter bezeichnet, weil sie das Blut aus zwei verschiedenen Völkern in sich vereinen.
Im Grunde ist das nicht ganz richtig, weil sich die Edél aus zwei Völkern zusammensetzen: Den Velheyn und den Aldhar. Dazu kommt ein drittes Volk, nämlich das der Tarlheyn, das das Blut der Velheyn und Aldhar in sich vereint. Doch die Tarlheyn hatten zu jener Zeit, als Maradeom noch nicht gegründet war und auch für viele, viele Jahrhunderte danach, keinen wirklichen Status, also kann ich nicht wirklich von drei Völkern sprechen. Die Tarlheyn waren eher etwas, das man verschwieg, aber das ist eine Geschichte, auf die ich später noch zurückkommen werde.
Jedenfalls sah auch die Situation der Mischblüter in Cavail nicht viel besser aus: Die Velheyn sahen sie nicht als Teil ihrer Gesellschaft, sondern stattdessen als minderwertig, an und die Menschen fürchteten sie für ihre Magie. Verdenken kann man es zumindest den Menschen Cavails nicht ganz, denn es gab den ein oder anderen Vorfall mit Mischblütern, der die Vorurteile ihnen gegenüber noch verhärtete. Einer von diesen hing mit Carlean zusammen und war auch der Anlass für den Status, den die Stadt später bekam.
Zur damaligen Zeit herrschte noch König Haldor über Cavail. Seine Hauptstadt lag nicht weit vom Ufer des Telrenn, allerdings weiter südlich als Rogulda heute. An seiner Seite diente jemand, der im heutigen Maradeom den Dienstgrad eines Generals hätte, in Cavail jedoch trug er nur den Titel ›Kommandant‹.
Dieser Mann war von König Haldor damit beauftragt worden, eine Hexe namens Saraë zur Strecke zu bringen, die etliche junge Frauen aus der Hauptstadt und der Umgebung getötet hatte. Mit der Hilfe eines Velheyns und einer menschlichen Magierin — Ja, auch so etwas gab es damals, wobei man das eher Kräften zuschrieb, die von den Göttern verliehen wurden. — gelang es ihm, die Hexe nach Carlean zu locken, wo er es schaffte, sie zur Strecke zu bringen.
Carlean, das damals der Sitz des Götterordens war, wurde dabei zu großen Teilen zerstört. Außerdem kam heraus, dass eben dieser Kommandant, den König Haldor beauftragt hatte, gegen die mischblütige Hexe vorzugehen, ebenfalls ein Mischblut war. Obwohl er bis zu jenem Tag immer gute Dienste geleistet hatte, führte diese Enthüllung zwischen ihm und dem König.
Der Kommandant floh zurück nach Carlean. Dabei schlossen sich ihm weitere Mischblüter an, sodass Carlean bald die Stadt Cavails mit den größten bekannten Anzahl an mischblütigen Bewohnern war. Die Mischblüter halfen beim Wiederaufbau der Stadt und ließ sich auch sonst nichts zu Schulden kommen. Trotzdem fürchteten sich die Menschen von Carlean und flohen nach und nach gen Süden. So kam es schließlich, dass abgesehen von einigen wenigen menschlichen Magiern nur Mischblüter in der Stadt lebten.
Der offizielle Sitz des Götterordens wurde an den östlichen Rand Cavails versetzt, aber viele ihrer Aufzeichnungen blieben in Carlean zurück und bildeten später die Grundlage für das Wissen der Edélin. Das war auch der Grund, weswegen die Edélin selbst heute, so viele Jahre nach der Gründung Maradeoms, noch immer ein Archiv in Carlean besaßen.
Rogulda mochte die offizielle Hauptstadt sein und die Stadt, die Inaj Avenin für das Leben der Mischblüter erschaffen hatte, aber ohne Carlean hätte es Rogulda nie gegeben. Hätte der Kommandant damals nicht Carlean für seine Aufgabe ausgesucht und hätte er sich anschließend nicht dorthin zurückgezogen, es hätte niemals das ›Volk‹ der Mischblüter gegeben.
Hm, ich sollte an dieser Stelle vielleicht auch noch erklären, wie aus dem Volk der Mischblüter das Volk von Maradeom wurde.
Ich hatte gerade gesagt, dass die Menschen flohen und so nur Mischblüter und menschliche Magier in Carlean zurückblieben. Das war tatsächlich auch für eine Weile der Fall. Aber man muss dazu sagen, dass Carlean als Hafenstadt schon immer reich und damit ein beliebter Wohnort war. Natürlich wollten die Menschen sie nicht einfach aufgeben. Unter dem Druck der Menschen ließen die Mischblüter die Stadt daher hinter sich und zogen in den Westen von Cavail, wo sie nicht weit von der Grenze zu Ellysrha Rogulda gründeten. Lasst mich das kurz verdeutlichen:

Talliwen_Skizze2

Das auf der rechten Seite ist Carlean, das links Rogulda. Beide Städte liegen am Meer, was die Route ist, der die Mischblüter unter Inaj Avenins Führung damals folgten. Auf der Höhe des Gebirges im Nordwesten, das wir in Maradeom als ›Lamina‹ kennen, liegt die Grenze zu Ellysrha.
Die Mischblüter suchten sich damals diesen Ort aus, um sich niederzulassen, weil die Velheyn — auch wenn sie die Mischblüter nicht besonders schätzten — ihnen nichts antaten. Man könnte auch sagen, die Velheyn waren der Ansicht, die Mischblüter seien unter ihrer Würde und daher keinerlei Beachtung wert. Weder im positiven, noch im negativen Sinne.
Nachdem König Haldors Sohn, Sijur, den Mischblütern den Krieg erklärt, ihn jedoch verloren hatte, kehrte Ruhe ein. Inaj Avenin verlangte die Abtretung eines Teils des Landes von König Sijur und so erhielten die Mischblüter Maradeom.
Gleichzeitig schlossen Menschen und Velheyn jedoch ein Abkommen: Die Völker würden fortan unter sich bleiben, da unter den Mischblütern doch ein recht großer Anteil von Personen war, die sich wie Saraë verhielten. So stieg die Zahl der reinen Mischblüter nicht weiter an. Diejenigen, die aus Beziehungen von Mischblütern oder von Mischblütern und menschlichen Partnern geboren wurden, büßten nach und nach Fähigkeiten ein. Sie lebten nicht länger ewig und selbst ihr zuvor langes Leben besaß bald nur noch die Spanne eines menschlichen. Auch ihre Magie war nicht länger so stark wie zu Anfang und bald kannte man die Nachkommen der Mischblüter nur noch als Volk von menschlichen Magiern.
Nur selten geschah es, dass diese Eigenschaften bei einer Person wieder auftauchten oder stark ausgeprägt waren und natürlich wurden diese Personen im Gedenken an unsere Ahnen besonders geachtet. Das ist auch der Hintergrund der Edélin.
Von den ursprünglichen Mischblütern existiert heute vermutlich nur noch eine handvoll, was die alten Geschichten nur noch mysteriöser macht.
Und momentan sah es ganz danach aus, als hätte mein Schicksal etwas mit dem sagenumwobenen Ort zu tun, an dem diese Geschichte begonnen hatte. »Willst du damit sagen, wir sehen uns nach dem Schrein der Tadelda Carlean an?«
Valorn lächelte. »Wenn Carlean wirklich eine Station deiner Bestimmung ist, werden wir in Carlean weitere Hinweise finden. Es zu probieren, kann jedenfalls nicht schaden. Oder was meinst du?«
Ich nickte begeistert. »Das klingt großartig!« Tatsächlich klang es sogar besser, als einem Drachen zu begegnen. Von Drachen wusste ich nichts, aber Carlean war mir ein Begriff. Es war noch so ein Ort, von dem ich nie angenommen hätte, dass ich ihn je selbst sehen würde.
»Lass uns das morgen mit Alha besprechen. Es könnte von Vorteil sein, eine Tadelda an unserer Seite zu haben.«
Ich muss Valorn an dieser Stelle loben: Obwohl offensichtlich war, dass sein Vorschlag absolut nichts mit den Tadelda oder meinem Schicksal zu tun hatte und wir das beide wussten, schaffte er es, diese Worte mit einem derart ernsten Gesicht zu äußern, dass ich hätte glauben können, die Zukunft ganz Maradeoms hinge davon ab, ob Alha uns begleitete oder nicht.

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