15 Was sagt dein Herz?

Die Tadelda ließen uns die Nacht im Schrein verbringen, doch ich war so damit beschäftigt darüber nachzudenken, was die Vision bedeuten könnte, dass ich kaum einen Gedanken an meine Umgebung verschwendete. Erst als Valorn und ich einen gemeinsamen Raum bekamen und er sich vorerst von Alha verabschiedete, ging mir auf, dass ich zu den wenigen Menschen gehörte, die die Chance hatten, einmal eine Nacht im Schrein der Tadelda zu verbringen.
Es ist nicht, dass es besondere Regeln dafür gäbe. Normalerweise lassen die Priesterinnen jeden ein, der darum bittet. Aber wer würde schon einfach zum Schrein gehen und fragen, ob er für eine Weile bleiben kann? Die meisten Bewohner Maradeoms würden lieber eine Nacht im Freien verbringen. Der Respekt, den wir vor den Tadelda, ihren Kräften und dem Schrein, der das Symbol für eben diese ist, haben, ist einfach zu groß.
Der Raum, den wir bekommen hatten, wirkte allerdings nicht anders als der Raum im Gasthaus, in dem ich in meiner ersten Nacht in Rogulda gewohnt hatte: Zwei Betten, ein einfacher Holztisch, ein Stuhl davor und ein Regal an der Seite. Vermutlich hätte ich von einem Schrein auch nichts anderes erwarten sollen.
Ich ließ mich auf eines der Betten fallen und beobachtete Valorn, der sich ans Fenster stellte und hinausblickte. Er wirkte so konzentriert, dass ich nicht anders konnte, als aufzustehen, mich neben ihn zu stellen und ebenfalls hinauszusehen. Allerdings gab es dort nichts außer die Wipfel der Bäume und die Heilige Quelle. Ich sah noch einmal in Valorns Gesicht auf, dann blickte ich wieder hinaus. Sah er sich die Quelle an? Aber Valorn war ein Edélin und nicht zum ersten Mal am Schrein der Tadelda, wenn ich es richtig verstanden hatte. Was faszinierte ihn so daran?
»Hast du jemals eine Vision deiner Zukunft in der Quelle gesehen?«
Valorn schüttelte den Kopf, doch er behielt die Quelle im Auge, als würde dort jeden Moment etwas geschehen. Ich tat es ihm gleich, doch auch nach einigen Minuten veränderte sich nichts, abgesehen davon, dass der Himmel immer dunkler wurde.
»Woran denkst du?«
»Alha.«
Ich blinzelte verblüfft. Mich wunderte nicht, dass Valorn an Alha dachte. Mich wunderte, dass er es einfach so zugab. Der Edélin fuhr zusammen, als sei ihm das gerade ebenfalls aufgegangen.
»Ich meine …« Er runzelte die Stirn und winkte ab. Vermutlich war ihm bewusst, dass sein Verhalten Bände über seine Gefühle sprach.
»Was ist das Problem?« Mir kam für keinen Moment in den Sinn, dass mich das überhaupt nichts anging. Vom Beginn meiner Reise an hatte ich die schlechte Angewohnheit, jede neue Bekanntschaft schon nach dem ersten Treffen als einen Freund zu betrachten. Und Freunde konnten miteinander über ihre Probleme sprechen. Dass Valorn eines hatte, war so offensichtlich wie seine Gefühle für Alha.
Valorn erstarrte, vermutlich fand er mich nicht nur etwas aufdringlich. Doch nach einem Stirnrunzeln schien er sich entschlossen zu haben, dass wir uns lange genug kannten und ich genügend von dem gesehen hatte, was zwischen Alha und ihm geschah, um mir ein Bild von der Situation machen zu können.
Er seufzte und deutete mit dem Kinn hinaus zur Quelle. »Die Tadelda sind Seherinnen mit Leib und Seele. Manche — so wie Alha — verlassen den Tempel und lassen sich anderswo nieder, aber sie kehren oft nach einiger Zeit wieder hierher zurück. Die Quelle stärkt ihre Magie und nirgendwo gibt es Menschen, die sie besser verstehen. Sie sind immerhin alle mit derselben Form der Magie gesegnet.«
»Was ist daran schlecht?« Ich verstand nicht ganz, was er meinte.
Valorn wandte den Blick von der Quelle ab, lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand neben dem Fenster und verschränkte die Arme. »Du bist Luftmagier, nicht? Hast du nicht manchmal das Gefühl, besser mit Luftmagiern zurecht zu kommen als mit anderen Leuten?«
Ich schürzte die Lippen und dachte an die anderen im Dorf. »Eigentlich nicht.«
Valorn erwiderte meinen Blick stumm, dann lachte er auf. »Ja. Warum habe ich auch gefragt? Du bist offensichtlich anders. Aber vielen geht es so«, fügte er hinzu und wurde wieder ernst. »Für diejenigen, die besondere Kräfte haben, gilt das umso mehr. Wir Edélin haben selten Kontakt zu normalen Magiern und genauso geht es den Tadelda. Sicher, manchmal, gerade wenn sie schon in jungen Jahren dorthin gekommen sind, wirkt die Welt des Schreins beengt auf sie und dann verlassen sie ihn für eine Weile. Sie sind draußen in der … ›wahren‹ Welt auch durchaus glücklich, es gibt ja viel Neues zu entdecken. Aber bald merken sie, dass vieles davon auch nur schöner Schein ist. Das Neue verliert ihren Reiz und sie sehnen sich nach der vertrauten Heimat. — Wer sagt, dass es Alha nicht bald genauso gehen wird?«
»Uh.« Ich dachte über das nach, was er da sagte, und verstand immer noch nicht, was sein Problem war. »Alha hat ein wunderschönes Haus in Rogulda und sie versteht sich doch mit dir. Weshalb sollte sie zum Schrein zurückwollen?«
Valorn schien nicht mit so einer Antwort gerechnet zu haben. »Ja, schon … Aber das ist nicht dasselbe.«
»Warum? Kann sie in Rogulda keine Freunde machen? Nur weil die Leute dort nicht in die Zukunft schauen können, heißt das doch nicht, dass sie sich überhaupt nicht mit ihr verstehen. Du bist auch kein Seher.«
»Ich bin ein Edélin, das ist ähnlich.«
»In Rogulda gibt es ziemlich viele Edélin.« Ich hatte sie gesehen, als wir das mauerhafte Gebäude um das Schloss herum betraten. Er konnte nicht behaupten, dass es anders war.
Valorn schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so einfach.«
Ich sparte mir, nachzufragen, warum er das sagte, und warf ihm nur einen Blick zu. Valorn seufzte.
»Schau dich hier im Schrein um: Sie leben alle zusammen. Den ganzen Tag haben sie ihre Schwestern um sich.«
»Und? Sie hätte auch viele Leute um sich, wenn sie in Rogulda tagsüber auf die Straße geht. Und ansonsten hat sie —« Ich stoppte, runzelte die Stirn und besann mich eines Besseren. »Oh. Vergiss, was ich gesagt habe.«
Valorn hob die Brauen. Er war so in seinem Problem gefangen, dass er überhaupt nicht nachvollziehen konnte, was in meinem Kopf vor sich ging.
»Hm …« Ich überlegte, ob ich wirklich sagen sollte, was ich dachte, doch andererseits half es Valorn vielleicht. »Warum … machst du ihr nicht einfach einen Antrag?«

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