14 Eine Zukunft wie im Buche

Je lauter die Seiten raschelten, desto weiter traten die Heilige Quelle und der Schrein der Tadelda zurück, bis ich mich völlig in der Vision wiederfand. Was mir von den Edélin als großes Schicksal angepriesen worden war und in Alhas Vision nach einer fantastischen Reise ausgesehen hatte, entpuppte sich hier an der Quelle allerdings als vorerst enttäuschend:
Ich sah einen Mann, der offensichtlich ich selbst war. Es konnten nicht allzu viele Jahre vergangen sein, denn ich unterschied mich kaum von dem Bild, das ich sehen würde, wenn ich in eben jenem Moment einen Blick in den Spiegel geworfen hätte.
Meine Schlussfolgerung sollte sich bald als falsch erweisen, aber damals enttäuschte es mich doch sehr. Mit etwas weniger Eifer als zuvor, beobachtete ich also, wie ich selbst in der Zukunft die Seiten eines Buches durchblätterte und dabei recht nachdenklich die Stirn runzelte.
Gerade ging mir durch den Kopf, dass ich mich in meiner nahen Zukunft wohl zu einem belesenen, aber nicht gerade offenen Menschen entwickelt hatte, da schlug mein zukünftiges Ich das Buch mit einem Knall zu und sah sich um. Sein Blick wanderte nach oben, fast als könnte er sehen, dass ich ihn beobachtete. Dann breitete sich langsam ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen aus. Offenbar hatte ich in der Zukunft doch noch etwas Humor.
Mein zukünftiges Ich — er — stellte das Buch zurück in das Regal neben sich, in dem tausende weiterer Bücher standen. Ja, der Ort, den ich in dieser Vision sah, war die Weltenbibliothek von Seyda, in der ich mich heute befinde. Die Quelle hatte mir also einen äußerst passenden Ausblick auf meine Zukunft gewährt.
Der Mann wandte sich von dem Regal ab und verschwand den Gang hinunter bis zu einer Kreuzung. Ohne zu zögern wandte er sich nach rechts und ging auf etwas zu, das wie ein großes Tisch aussah, dessen Beine aus durchgehenden Platten bestanden. Kurz gesagt: Er ging zum ›Schalter‹ der Bibliothek, wie man in Radren sagen würde, dem Ort, an dem man in einer normalen Bibliothek ein Buch austragen lassen würde, um es mitzunehmen.
In der Weltenbibliothek sieht das freilich etwas anders aus: Was sich in der Bibliothek befindet, bleibt auch dort. In all den Jahren hier hat kein einziges der Bücher diesen Ort verlassen. Wenn ich damit fertig bin, meine Reisen zu schildern und die einzelnen Exemplare in den Welten verteile, werde ich diese Regel wohl zum ersten Mal brechen.
In der Vision jedenfalls ging ich zum Schalter, legte die Arme auf die hölzerne Oberfläche und schenkte dem Mädchen auf der anderen Seite ein Lächeln. Selbst damals, als ich am Rand der Heiligen Quelle stand und sie nur in der Vision sehen konnte, bemerkte ich, dass diese Frau etwas an sich hatte, das sie von allen anderen unterschied.
Sie war schön, wenn auch nicht auf die gleiche Art und Weise wie Marai. Statt Marais selbstbewussten und — wie ich später erkennen würde — im Grunde auch selbstgefälligen Auftretens besaß sie eine zarte, einfach zugängliche Seite, als wäre keine Frage unwillkommen.
Für eine Weile sahen die beiden in der Vision sich einfach nur an. Schließlich regte sich das Mädchen, streckte die Hand nach etwas aus, das von der anderen Seite des Schalters nicht zu sehen war und legte es schließlich darauf ab.
Es war ein Schlüssel. Mit einem fast schon fragenden Blick schob sie ihn dem Mann in der Vision hin. Er hob ihn auf, verzog aber das Gesicht.
»Bist du sicher, dass du gehen willst?«
Sie nickte. »Es ist nicht für immer, Talliwen. Warte hier auf mich. Ich komme bald zurück.«
Er wirkte nicht, als würde er sich freuen, doch er akzeptierte ihre Entscheidung und sah ihr nur nach, als sie verschwand.
»Bleib nicht zu lange, Nima«, flüsterte er, als die Tür schon längst hinter ihr zugeschlagen war.
Schließlich wandte er sich ab und trat auf die andere Seite des Schalters. Und als hätte sie nie existiert, verschwand mit dieser Bewegung auch die Vision in den Heiligen Quellen von Serma.
Ich blickte stumm auf das glasklare Wasser und fragte mich, was ich aus dem, was ich gesehen hatte, nun schließen sollte. Es schien nichts mit dem Drachen zu tun zu haben, den ich in Alhas Vision gesehen hatte, und noch weniger mit meinem Versprechen an Marai.
Das ist meines Erachtens die zweite Regel beim Besuch des Schreins der Tadelda: Wer auch immer mit einem großen Schicksal dorthin kommt, um Hilfe zu erbitten, darf einen Blick in die Quelle werfen, doch er wird darin etwas sehen, das er so nie erwartet hätte.
Ich runzelte die Stirn und wandte mich von der Quelle ab. »Was bedeutet das, was ich gerade gesehen habe?«, fragte ich die Hohepriesterin.
Sie lächelte zur Antwort. »Der einzige, der Euch diese Frage beantworten kann, seid Ihr selbst.«

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