13 Die Heiligen Quellen von Serma

Es scheint zwei ungeschriebene Gesetze für Besuche am Schrein der Tadelda zu geben. Das erste: Wann immer jemand den Schrein aufsucht, die Bewohnerinnen wissen bereits zuvor davon und drei von ihnen erwarten den Suchenden vor dem goldenen Tor.
Vermutlich ist das nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass alle Priesterinnen Hellseherinnen sind. Aber als ich damals das erste Mal den Schrein besuchte, gab mir ihr Erscheinen trotzdem das Gefühl, einen Ort betreten zu haben, an dem Menschen lebten, die einen höheren Zweck in diesem Leben hatten als die normalen Bürger Maradeoms wie ich. Mir kam nicht in den Sinn, dass sie genau auf diese Sorte von ›normalen Bürgern‹ warteten.
Die Frau in der Mitte — die keine andere als die Hohepriesterin war — lächelte, als könnte sie meine Gedanken genauso voraussehen wie alles andere. »Ihr seid hier, um einen Blick in die Heilige Quelle zu werfen. Folgt mir bitte.« Sie deutete auf einen schmalen Pfad, der an dem weißen Turm vorbei und in den kleinen Hain führte.
Ich nickte und folgte den Frauen gemeinsam mit Valorn und Alha. Ihre Worte ergaben für mich keinen wirklichen Sinn. Ich wusste, Wasser konnte hilfreich für Vorhersagen sein — ich hatte es in Rogulda bei Alhas Vorhersage ja gesehen —, aber sollten nicht eher die Tadelda für mich in die Quelle sehen? Sie verstanden etwas von diesen Dingen, ich nicht. Wäre es nicht vergeudete Zeit, es mich versuchen zu lassen?
Wir erreichten die andere Seite des Hains und die Tadelda traten zur Seite. Die Hohepriesterin deutete nach vorn auf etwas, das den Anschein eines Teichs hatte. Die Oberfläche schien silbern, doch als ich näher herantrat, konnte ich deutlich sehen, dass das Wasser glasklar war. Es war nur die Spiegelung der Sonne, die diese Illusion verursachte.
Zumindest war es das, was ich damals dachte. Lasst mich euch erzählen, was es mit den Heiligen Quellen auf sich hat: Ursprünglich gab es drei Quellen, weswegen noch heute oft in der Mehrzahl von ihnen gesprochen wird, doch mit den Jahren versiegten zwei von ihnen oder vielleicht verbanden sie sich auch zu einer einzigen, sodass man heute eigentlich nur noch von der Heiligen Quelle sprechen kann.
Aus dieser Quelle sprudelt nicht nur Wasser hervor, sondern auch Energie. Da die Magie in den verschiedenen Reichen Sadareys — ganz zu schweigen von den anderen Welten von Evedir — jeweils unterschiedlich gehandhabt wird, lasst mich auch das kurz erklären: Die grundlegenden Magieformen, die in Maradeom gelernt werden, entsprechen den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde, von denen sich jeweils Feuer und Erde, sowie Wasser und Luft gegenseitig ergänzen. Die Energie, aus der die Feuermagie besteht, findet man also genau wie die Energie der Erdmagie im Erdreich, genau wie man Wasserenergie in der Luft findet und umgekehrt. Diese Energieformen finden sich überall in Sadarey und wenn jemand von uns unsere Welt verlässt, so wie ich es an einem späteren Punkt meiner Reise getan habe, kann er diese Energien auch in den anderen Welten finden und nutzen.
Doch nicht alle Orte sind gleich: An manchen Stellen der Welt ist die Energie stärker als an anderen. Die Heiligen Quellen von Serma sind einer dieser Orte. Auch wenn sie auf den ersten Blick wie ein kleiner Teich mit glasklarem Wasser aussehen, sind sie in Wahrheit eine Ansammlung magischer Energie und zwar aller Energie. Ich kann nicht erklären, warum das so ist. Das wird wohl für immer eines der größten Geheimnisse Sadareys bleiben. Doch genau aus diesem Grund sind die Heiligen Quellen so wichtig für Maradeom und für die Tadelda.
An diesem Ort ist es leicht, Visionen zu empfangen, was wohl der Grund gewesen sein mag, aus dem sich die ursprüngliche Seherin Tadelda dorthin zurückgezogen hat. Die Quelle kann auch dunkle Energie abwehren, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Vielleicht komme ich darauf noch einmal zurück, wenn ich euch von dem erzähle, was mir später auf meiner Reise noch alles wiederfahren ist.
Jedenfalls stand ich nun zum ersten Mal vor der Heiligen Quelle von Serma. Hatte ich erwähnt, dass ›Serma‹ in der Sprache unserer Ahnen ›Licht‹ bedeutet? Ich sollte schon bald erfahren, warum das so ist. Doch zuvor wandte ich mich an die Hohepriesterin: »Tadelda, was genau soll ich tun? Ich wollte eigentlich wissen, was auf meiner Reise auf mich wartet …« Ich schenkte ihr ein Lächeln und die Frau erwiderte es prompt. Vermutlich hatte ihr so noch niemand die Frage nach seinem Schicksal gestellt.
»Die Heilige Quelle kann Euch Eure Zukunft zeigen, wenn Euer Schicksal es zulässt. Ein Blick hinein genügt.«
Ich wusste nicht recht, was ich erwidern sollte. Ich hatte ganz eindeutig gerade ins Wasser gesehen, doch nichts war geschehen. Es sei denn, meine Zukunft war ein unbeschriebenes Blatt?
Die Seherin schien zu merken, dass ich nicht ganz überzeugt war, und trat neben mich. Sie deutete hinab auf die Wasseroberfläche und griff meine Hand. »Jeden von uns erwartet ein anderes Schicksal. Wir Tadelda können anderen einen Blick in das ihre gewähren, doch dadurch würdet Ihr nur einen kleinen Teil sehen. Die Heilige Quelle ist aus der Energie der Götter geschaffen. Mit ihr könnt Ihr selbst Eure Zukunft entschlüsseln. Was Ihr darin seht, wird mehr sein, als das, was wir Euch bieten können.«
Ich nickte langsam und die Frau ließ mit einem Lächeln meine Hand los und trat zurück. Ich wusste noch immer nicht ganz, was sie da sagte, doch eines wusste ich immerhin: Die Götter waren diejenigen, die das Volk der Menschen und der Edél geschaffen hatten — die Vorfahren der Bewohner Maradeoms. Mit anderen Worten: Die Energie der Götter, von der die Hohepriesterin sprach, war etwas, das uns erhalten geblieben war. Wenn diese Energie mir meine Zukunft offenbaren konnte, hieß das wohl, das ich meine eigene verwenden musste.
Ich wandte mich wieder der Quelle zu, hob die Hände ein Stück und drehte die Handflächen dem Himmel entgegen. Ich war nie ein besonders begabter Magier gewesen, doch es reichte, um den Wind auffrischen zu lassen. Er fuhr über die Blätter der Bäume, entfachte ein stetiges Rauschen und ließ leise Wellen über die Oberfläche der Quelle kräuseln. Das Licht brach sich auf ihrer Oberfläche und das Rauschen der Blätter verwandelte sich in das Rascheln von Papier irgendwo in der fernen Zukunft.

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