12 Der Schrein der Tadelda

Unsere Reise zum Schrein der Tadelda nahm mehr als eine Woche in Anspruch. Es war nicht, dass man sie nicht schneller bewältigen konnte, doch jeden Morgen brachen wir spät auf, mittags rasteten wir für gute zwei Stunden und abends hielten wir recht früh in einer der Ortschaften, die wir passierten. Valorn hatte unsere Tage so eingeteilt und man brauchte wenig Fantasie, um sich auszumalen, warum.
Während die Sonne am letzten Tag unserer Reise dem Horizont entgegen sank, wurde der Schrein der Tadelda am Horizont sichtbar: Wie ein mahnender weißer Zeigefinger reckte er sich in die Höhe. Je näher wir kamen, desto deutlicher sah ich die Spiegelungen der Sonne auf dem weißen Stein, und schließlich konnte ich auch das goldene Tor sehen, das seinen Eingang bildete. Hinter dem Turm erhoben sich die Bäume eines Hains und irgendwo mitten drin musste sich die Heilige Quelle befinden.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erklären, was es mit dem Schrein und den Tadelda an sich überhaupt auf sich hat: Vor gut fünfhundert Jahren lebte eine junge Frau namens Tadelda. Zu jener Zeit existierten Maradeom und sein Nachbarreich Gajmho noch nicht und an ihrer Stelle erstreckte sich das Reich Cavail. Nur ein Teil der Bevölkerung besaß magische Kräfte und dieser Teil wurde gefürchtet und verachtet. Tadelda gehörte zu diesem Teil.
Sie verfügte über Wassermagie und mit dieser Magie hatte sie die Gabe erhalten, in die Zukunft zu sehen. Eines Tages sah sie am Ufer des Telrenn die Gründung eines neuen Reiches voraus: Maradeom. Ja, richtig, meine Heimat war damals, als ich meine Reise begann, noch nicht allzu alt. Es gab noch Menschen, die so alt waren, dass sie davon berichten konnten, wie ihre Urgroßeltern in ihrer Kindheit die Gründung Maradeoms erlebt hatten. Dann wiederum gibt es immer noch Personen, die genügend von den Kräften unserer Vorfahren geerbt haben, um gut und gern ein oder zwei Jahrhunderte leben zu können, also kann ich auch nicht sagen, dass Maradeom erst vor sehr Kurzem gegründet wurde. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Zurück zu Tadelda: Zuerst glaubte man ihr nicht, als sie von ihrer Vision erzählte. Die Menschen von Cavail standen Magie im Allgemeinen abgeneigt gegenüber und Tadeldas hellseherische Kräfte hielten sie für reinen Schwindel. Dann jedoch gab es auch diejenigen, die wussten, dass sie die Wahrheit sagte, weil sie selbst ebenfalls solche Fähigkeiten besaßen. Als Tadelda sich an den Ort zurückzog, an dem heute die Heiligen Quellen sind, folgten sie ihr und errichteten nach ihrem Tod den Schrein. Tatsächlich hat Tadelda die Gründung Maradeoms nicht mehr miterlebt.
Das ist alles, was ich von Tadeldas Geschichte weiß. Es hat mir öfter in den Fingern gejuckt, in ihrem Buch des Lebens nachzuschlagen, aber das ist etwas anderes als mit Valorn und Alha: Tadelda ist eine Legende. Ich würde genauso wenig einen Blick auf die Details ihres Lebens zu werfen wagen wie ich das Leben des Gründers von Maradeom ausspionieren würde. Ich hätte einfach kein gutes Gefühl dabei.
Dafür weiß ich allerdings noch etwas über den Orden der Tadelda zu berichten: Auch er nahm — wie der Turm — erst nach Tadeldas Tod Gestalt an. Die Tadelda hielten sich zuerst bedeckt, um den Hass der Bevölkerung nicht auf sich zu ziehen. Kam ein Mensch ohne magische Kräfte zu ihnen, behaupteten sie, ihr Leben den Göttern gewidmet zu haben und ihre Tage mit Zeremonien und Gebeten zu verbringen, um zu Cavails strahlender Zukunft beizutragen. Insgeheim beteten sie nur dafür, dass sich Tadeldas Vision bald erfüllen würde und sie einen Platz bekamen, an dem sie in Frieden leben konnten.
Nachdem Inaj Avenin Maradeom gründete, unsere Hauptstadt Rogulda errichten ließ und die Edélin ins Leben rief, schickten auch sie eine Abgesandte. Es heißt, Inaj Avenin hätte die Tadelda bereits zuvor gekannt, und so wurden sie wie die Edélin zu eine Pfeiler unserer Gesellschaft. Selbst heute, nachdem ich nicht nur Maradeom, sondern sogar die Welt Sadarey schon lange verlassen habe, ziehen die Könige sie bei wichtigen Entscheidungen noch immer zu Rate. Von ihrer Rolle bei Zeremonien wie der Krönung einmal ganz abgesehen.
Aber die Tadelda sehen nicht nur für die Könige von Maradeom in die Zukunft: Jeder kann zu ihrem Schrein gehen und sie um einen Blick in die Heiligen Quellen bitten. Nicht immer finden sie etwas, doch wenn, dann liegt vor diesen Personen oft ein großes Schicksal. Ich konnte kaum glauben, dass ausgerechnet ich dort mein Glück auf eine Vorhersage versuchen wollte.
Ich konnte mir keine Vorstellung davon machen, wie unser Besuch am Schrein der Tadelda ablaufen würde, und so hielt ich nur den Blick auf das weiße Gebäude gerichtet, bis wir endlich nicht mehr als ein paar Meter entfernt waren.
Drei Priesterinnen standen vor dem goldenen Eingangstor. In ihren weißen Roben wirkten sie wie nicht von dieser Welt. Sie waren nicht übernatürlich schön — tatsächlich war die mittlere sogar eine alte Frau mit grauem Haar, die die Blüte ihrer Jugend schon lange hinter sich gelassen hatten, und nur die Frau zu ihrer Linken konnte man wirklich als Schönheit bezeichnen —, aber sie strahlten eine Eleganz aus, die den Besucher nur beruhigen und für einen Moment innehalten lassen konnte.
»Willkommen, Talliwen Ormhin«, begrüßte mich die Frau in der Mitte. Ganz offensichtlich war es die richtige Entscheidung gewesen, hierherzukommen.

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