11 Der Beginn des Schicksals

Wenn ich heute daran zurückdenke, fällt mir auf, wie seltsam und gleichzeitig richtig meine Wortwahl damals war. Niemand würde sagen, dass er einen Drachen kennenlernen wollte. Vielleicht sehen oder studieren oder — wenn wir uns in einer anderen Welt befinden würden — töten, aber niemand will sie wirklich kennenlernen. Eigentlich ist es traurig. Die Drachen von Sadarey sind eindeutig nicht das, was sich die Edélin unter ihnen vorstellten, obwohl ich nicht sagen kann, dass auch nur ein Wort von dem, was Thajir mir damals erzählte, falsch wäre. Aber dazu später mehr.
Der Anführer der Edélin wirkte nicht überrascht, als hätte er von Anfang an geahnt, dass ich mich so entscheiden würde. Er nickte nur langsam und wandte sich von mir ab und Alha zu. »Vielleicht ließe sich am Heiligtum der Tadelda mehr über Talliwens Schicksal herausfinden?«
Sie nickte. »Das dachte ich auch. Ich bringe ihn dorthin, wenn er möchte.«
Bevor ich die Chance hatte, ihr zu antworten, nutzte Valorn seine Gelegenheit: »Thajir, erlaubt mir, Talliwen und Seherin Alha zu begleiten. Wenn sein Schicksal mit den Drachen zusammenhängt, könnte das bedeuten, dass sie wieder aktiv werden. Es wäre von Vorteil, einen erfahrenen Magier an ihrer Seite zu haben.«
Thajir schwieg. Er wusste ganz offensichtlich, was Valorn durch den Kopf ging und wie wenig das mit der Aufgabe der Edélin zu tun hatte. Eigentlich rührend, doch dann wiederum entsprachen Valorns Worte zumindest soweit der Wahrheit, dass Thajir wohl überlegte, ob er nicht lieber jemanden mit uns schicken sollte, der nur an seine Aufgabe dachte.
»Das halte ich für eine großartige Idee.« Alha schenkte Valorn ein strahlendes Lächeln, das er nur mit Mühe nicht erwiderte. Stattdessen huschte sein Blick zu Thajir. Die beiden glaubten scheinbar tatsächlich, dass nicht völlig offensichtlich war, was sie füreinander empfanden.
Thajir nickte. »Gut. Da dich die Tadelda ohnehin schon kennen … Wann wollt ihr aufbrechen?«
Sie sahen alle drei zu mir. Was wollten sie hören? »Ich bin nicht aus Rogulda und Aufgaben habe ich auch keine. Von mir aus können wir sofort los.«
Valorn wandte sich zu Alha um. »Du brauchst sicher noch einige Dinge von Zuhause.«
Sie nickte. »Ja, und wir brauchen Proviant. Abgesehen davon … vielleicht wäre es besser, wir würden reiten, als den Weg zu Fuß zurückzulegen?«
Valorn erhob sich und nickte ihr und Thajir zu. »Ich gehe mich um alles kümmern. Wir treffen uns am besten am Stadteingang, wenn wir fertig sind. Vielleicht gehst du mit Alha, Talliwen?«
»Brauchst du Hilfe?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich muss nicht viel mitnehmen, das schaffe ich auch allein.«
»Dann sehe ich mir solange noch die Stadt an. Der Hafen von Rogulda ist sicher sehenswert.«
Valorn nickte. »Gut. Dann bis später.« Ohne auf meine Antwort zu warten, verließ er den Raum. Offenbar konnte er es gar nicht erwarten, die Stadt zu verlassen.
Ich begleitete Alha aus dem Schloss, dann trennten wir uns und ich ging hinunter zum Hafen. Obwohl mein Dorf nicht so weit vom Meer entfernt lag, hatte ich noch nie einen Hafen gesehen. Die Schiffe, die dort vertaut lagen, ragten mit ihren Masten über die Dächer der Häuser auf. Sie hatten die Segel eingerollt, doch ich konnte mir vorstellen, wie majestätisch sie aussehen mussten, wenn sie über das Meer glitten.
Würde ich jemals auf einem Schiff über das Meer fahren? Wenn stimmte, was Alha und Valorn sagten, lag ein großes Schicksal vor mir. Konnte es sein, dass ich all die Dinge sehen würde, von denen ich bisher immer nur in Geschichten gehört hatte?
Eine Möwe landete neben mir auf der Hafenmauer und erwiderte meinen Blick. Sie erinnerte mich an die Möwe aus meiner Heimatstadt, aber so dicht am Meer gab es so viele, dass ich den Gedanken ebenso schnell wieder verwarf.
Allerdings brachte mich die Möwe auf eine Idee: Mein Vater hatte mir einmal erzählt, dass ein Vogel eine Nachricht überbringen konnte, wenn er richtig trainiert war. Sicher konnte man so einen Vogel in der Hauptstadt finden.
Ich fragte mich bei den Seeleuten am Hafen durch und tatsächlich überreichte mir nach einiger Zeit ein bärtiger alter Mann einen Käfig mit einer Taube darin. Die Taube hatte eine kleine Röhre am Bein, in die man die Nachricht wohl stecken konnte, doch eigentlich fand ich den Mann vor mir wesentlich interessanter. Er sah genau so aus wie ein Seemann zu sein hatte: Groß, mit kräftigen Armen und einem runden Bauch. Seine Wangen waren von einem gesundem Rot, als käme er gerade aus einem Sturm ins Warme.
Ich warf einen Blick zum Himmel, doch der war blau und mit fluffigen weißen Wolken übersät. Einen Sturm hatte es hier ganz sicher nicht gegeben.
Zurück zu dem Seemann: Er hatte auch einen grauen Bart, der die Hälfte seines Gesichts einzunehmen schien, obwohl das wohl eher daran lag, dass er mit dem grauen Haar und einem Paar buschiger grauer Augenbrauen eine Einheit bildete.
Ja, so sollte ein Seemann aussehen. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Die Details unseres Gesprächs erspare ich euch fürs Erste, denn auf eben diesen Bilderbuch-Seemann sollte ich später auf meiner Reise noch einmal treffen und was dann kam, war ohnehin spannender als der Tausch der Taube.
Jedenfalls verabschiedete ich mich bald von dem Seemann, eilte in ein Gasthaus und ließ mir etwas zu schreiben geben. Natürlich war meine Nachricht für Marai bestimmt. Ich teilte ihr darin mit, dass ich auf einen Edélin und eine Tadelda getroffen war und sie zu ihrem Heiligtum begleiten würde, weswegen ich das Frühlingsfest dieses Jahr leider verpassen würde. Ich bat sie, mir zu verzeihen, und versprach ihr, ihren Wunsch im nächsten Jahr sicher zu erfüllen und sie dann zu begleiten.
Im Nachhinein betrachtet hat sie vermutlich laut gelacht, als sie die Nachricht bekam. Aber ich hatte getan, was ich konnte.
So schickte ich die Taube so los, wie der Seemann es mir erklärt hatte, und eilte zum Stadttor. Zwischen dem Weg zum Hafen, dem Fragen und Schreiben war mittlerweile so viel Zeit vergangen, dass die Sonne schon längst wieder zu sinken begann. Und nachdem er so versessen darauf gewesen war, die Stadt schnell zu verlassen, wartete Valorn bereits. Nicht, dass er wirkte, als nähme er mir meine Verspätung übel: Neben ihm wartete Alha mit einem strahlenden Lächeln. Für ihn begann der Weg meines Schicksals eindeutig gut.

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