10 Magier und Drachen

Valorn führte uns durch die Gänge und die Treppen hinauf, bis zu einer Tür, die sich irgendwo am Rand des Gebäudes befinden musste. Er klopfte und wartete, bis wir hinein gebeten wurden.
»Thajir.« Valorn verneigte sich, trat zur Seite und ließ uns eintreten.
Der Mann, der im Raum auf uns wartete, trug dieselbe weiße Robe wie er, war jedoch etliche Jahre älter. Eigentlich sollte ich wohl eher sagen: Etliche Jahrzehnte. Falten umgaben seine Augen und Lippen, seine Haare waren bereits zum Großteil ergraut und seine Gestalt in der weißen Robe wirkte zusammengesunken und schmal. Hätte er zu den Rittern gehört, er wäre in diesem Alter schon längst nicht mehr im Dienst gewesen, sondern hätte die Zeit daheim bei seiner Familie verbracht und seinen Enkeln Tipps für ihre Karriere gegeben.
Bei den Edélin sah die Sache anders aus: Magie hing nicht vom Alter ab. Ganz im Gegenteil konnte sie sogar noch zunehmen, wenn man seine Zeit richtig nutzte, und bei einem Edélin war das mehr als wahrscheinlich.
»Bitte, setzt Euch.« Er deutete auf einen Tisch und nahm uns gegenüber Platz. Sein Blick fuhr von Valorn, über Alha zu mir. »Was bringt Euch hierher?«
Ich wollte antworten, doch Valorn räusperte sich und fasste die Geschichte für den anderen Edélin zusammen. Sein Fokus lag allerdings mehr auf Alhas Vision von dem Wesen, das sie als Drachen erkannt hatte.
Thajir nickte. »Was du beschreibst, klingt in der Tat nach einem Drachen.« Er wandte sich wieder mir zu. »Talliwen, mir scheint, Euch erwartet ein außergewöhnliches Schicksal. Ihr wisst, was es mit den Drachen auf sich hat?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe heute das erste Mal von ihnen gehört.« Es war nicht verwunderlich: Geschichten über Drachen sollten erst einige Jahre später wieder in Maradeom die Runde machen. Das letzte Mal, dass sie aufgekommen waren, lag bereits viele Jahrhunderte zurück und niemand außer den Edélin erinnerte sich niemand mehr daran.
»Da Euer Schicksal eng mit ihnen verbunden scheint, lasst mich Euch davon erzählen: Über die Drachen ist nicht viel bekannt, außer dass sie vor Jahrhunderten aus dem Westen zu uns kamen, bevor Maradeom überhaupt gegründet worden war. Die Geschichten besagen, dass sie zuvor im Süden gelebt hätten, wo man sie noch heute sehen kann. In Maradeom soll es heute noch einen Drachen geben, aber ich kann Euch nicht sagen, ob das stimmt. Es ist lange her, dass er gesichtet wurde, und nichts ist über seinen damaligen Aufenthaltsort bekannt, außer dass er sich irgendwo weit im Süden des Reiches niederließ.
Unsere Ahnen mutmaßten, dass sie eine Verbindung zu den Göttern haben müssen, die einst ebenfalls im Süden lebten. Dafür spricht, dass die Drachen kraftvolle Magie besitzen sollen, die die der Edélin bei weitem übertrifft.«
Ich beugte mich über den Tisch nach vorn. Ich hatte noch nie zuvor von den Drachen gehört und Thajir schien auch nicht viel zu erzählen zu haben, doch wenn Drachen ein so seltener Anblick waren, dann mussten sie in Wahrheit noch erstaunlicher sein als man sie beschrieb. Sollte ich wirklich das Glück haben, so einem Wesen zu begegnen?
Thajir lächelte, als er mich so interessiert sah. »Es scheint Euer Schicksal zu sein, mit diesen Kreaturen in Kontakt zu kommen. Sagt, was sind Eure Pläne für die Zukunft, Talliwen?«
Ich lehnte mich zurück und runzelte die Stirn. Valorn hatte wenig begeistert von meinem Plan, Maira für mich zu gewinnen, gewirkt. Andererseits wirkte Thajir um einiges offener als er. Der jüngere Edélin saß mit ernstem Gesichtsausdruck und steifer Haltung am Tisch, als würde er befürchten, dass ich gleich etwas sagte, das ihn bis auf die Knochen beschämen würde. Das also war der erste Freund, den ich in der Hauptstadt Rogulda gemacht hatte.
Zugegeben, ich kann es ihm im Nachhinein nicht verdenken. Valorn hatte sein gesamtes Leben damit verbracht, Tag ein Tag aus Magie zu studieren, alte Unterlagen zu wälzen und sich das Wissen daraus einzuverleiben und magische Artefakte zu untersuchen. Seine Pflicht war es, das Reich zu schützen, und er nahm diese Aufgabe sehr ernst. Alles in allem war er jemand, der Verantwortung besaß und ihr nachkam. Mein Leben konnte ich damit nicht ansatzweise vergleichen. Diese Einfachheit wäre ihm vermutlich zutiefst fremd, wenn er sie je erlebte. Entsprechend merkwürdig mussten ihm meine Gedankengänge damals vorkommen. — Freilich machte ich mir darüber an jenem Tag keine Gedanken.
Stattdessen runzelte ich die Stirn ein wenig mehr. Ich war eigentlich nur nach Rogulda gekommen, um mein Versprechen einzulösen. Die Hilfe der Edélin wäre mir willkommen gewesen und so war ich Valorn begegnet, der mich schließlich zu Alha brachte. Alles, was bisher in Rogulda geschehen war, konnte ich nur als Aneinanderreihung von Zufällen und Glück beschreiben. Es mochte auf den ersten Blick wie wenig wirken, doch ich hatte in den letzten beiden Tagen hier mehr erlebt, als in dreiundzwanzig Jahren in meinem Dorf.
Die Aussicht darauf, ein ereignisreiches Schicksal irgendwo außerhalb meines Dorfes zu finden, war eindeutig verlockend. Einem Drachen begegnen? Durch Maradeom reisen? Vielleicht Orte wie den Schrein der Tadelda oder das Hauptquartier der Edélin, von dem Valorn mir erzählt hatte, sehen? Das würde mir gefallen.
Andererseits könnte ich so Marais Wunsch nicht nachkommen. All das konnte ich niemals in den paar Tagen erleben, die mir noch bis zum Frühlingsfest blieben. Andererseits sah es auch nicht aus, als könnte ich mein Versprechen bis dahin einlösen … Vielleicht wäre es besser, ich schrieb Marai, dass ich ihren Wunsch dieses Jahr nicht erfüllen konnte und dass sie ein Jahr auf mich warten sollte. In dieser Zeit konnte ich sicher einiges in Maradeom erleben und vielleicht fand ich nebenbei ja auch das Kleid, von dem sie geträumt hatte.
Ich nickte und schenkte Thajir ein Lächeln. »Ich glaube, ich würde diesen Drachen gern kennenlernen.«

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