9 Das Schloss von Rogulda

Man sehe mir nach, dass ich nicht wirklich verstand, was Alha da andeutete. Ich war in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Wir hörten immer wieder Geschichten, aber nie so spannende, wie man sie in Rogulda zu erzählen wusste. Entsprechend wenig war ich von ihrer Eröffnung überwältigt.
»Ein Drache.« Ich nickte und sah zu Valorn, der bereits um die nächste Ecke verschwand. Sein Verhalten sagte mir zumindest, dass ein Drache etwas Besonderes war. Ich warf Alha einen Seitenblick zu. »Was haben die Edélin mit den Drachen zu tun?«
Alha hob die Brauen. »Was meinst du?«
»Na ja, Valorn bringt uns doch zu den Edélin. Das muss doch heißen, dass sie etwas mit den Drachen zu tun haben?« Ich wollte stehenbleiben, doch Alha griff meinen Arm und zog mich weiter.
»Wir sollten Valorn nicht zu lange warten lassen.«
Ich nickte und folgte ihr um die Ecke. Wir fanden uns auf der Hauptstraße wieder und beschleunigten unsere Schritte. Valorn hatte bereits ein gutes Stück Vorsprung.
»Die Edélin haben nicht mit den Drachen im Speziellen zu tun. Aber Drachen sind magische Wesen, daher sind die Geschichten über sie natürlich von Interesse für die Edélin. Sie sollten in ihrem Archiv einige Unterlagen haben, die uns vielleicht Genaueres über sie sagen können. Das wird uns helfen, die Vision zu verstehen.«
Ich nickte. »Dann komm. Ohne Valorn werden wir Probleme haben, ins Schloss zu kommen.«
»Oh, die Leute dort kennen mich. Mach dir keine Sorgen.«
Ich nickte. Das musste wohl einer der Vorteile sein, die sie als Tadelda genoss. Natürlich würde man sie nicht so behandeln wie mich.
Wir beschleunigten unsere Schritte und holten Valorn kurz vor den Schlossmauern ein.
Dieselben Männer wie gestern schon standen davor und sahen mich erstaunt an. Offensichtlich erinnerten sie sich an mich.
Valorn fing ihren Blick auf. »Gibt es ein Problem?«
»Wer ist das?« Der eine nickte zu mir, doch Valorn wandte sich nicht einmal um.
»Darum müssen sich die Ritter keine Gedanken machen.«
Der andere wollte auffahren, doch Valorn wandte sich bereits ab und winkte uns mit sich auf den Hof. Ich tauschte einen Blick mit Alha, doch sie schien daran nichts seltsam zu finden.
»Die Edélin und die Ritter haben nicht unbedingt ein gutes Verhältnis zueinander«, flüsterte sie mir zu, dann folgten wir Valorn.
Vor uns ragte das Schloss von Rogulda auf: Der vordere Teil des Gebäudes maß drei Stockwerke. Gläserne Türen führten unten ins Gebäude hinein und gaben den Blick auf einen Gang frei, dessen andere Seite ebenso gestaltet war. Dahinter konnte ich einen Garten sehen, in dem Blumen in allen Farben des Regenbogens blühten. Auf der rechten Seite des Schlosses erhoben sich drei Türme, doch nirgendwo war eine Tür zu sehen. Scheinbar konnte man sie nur von innen betreten. Der erste Turm besaß nur ein einzelnes Stockwerk, doch die anderen beiden führten wie eine Treppe dahinter in die Höhe. Im zweiten Stockwerk verband sie eine Plattform, die außen um sie herum führte, als sollte man von dort auf Rogulda hinabblicken.
Ich fragte mich, wie die Stadt von dort oben wohl aussah.
»Wo ist denn das Quartier der Edélin?« Ich hoffte, es würde im Schloss sein, doch Alha lächelte nur und deutete zur hinteren Seite des Hofes.
»Was von außen wie eine Mauer sieht, ist im Grunde ein zweites Gebäude. Die eine Hälfte gehört den Rittern, die andere den Edélin.«
»Oh.« Ich war zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Jetzt hatte ich es zwar hinter diese Mauer geschafft, aber das Schloss konnte ich trotzdem nicht betreten. Dabei wäre das eine Geschichte gewesen, die sich gelohnt hätte, zuhause zu erzählen. Andererseits würde man mir vermutlich nicht einmal glauben.
Valorn sah zu uns zurück und wartete diesmal tatsächlich, bis wir ihn eingeholt hatten. Nachdem wir das Schloss erreicht hatten und nicht mehr lange bis zu den anderen Edélin brauchen würden, hatte er sich scheinbar beruhigt.
»Das eigentliche Hauptquartier befindet sich in Carlean. Dort werden die meisten Edélin ausgebildet und der Großteil unseres Archivs befindet sich ebenfalls dort, aber da wir gemeinsam mit den Rittern für die Sicherheit Roguldas verantwortlich sind, hat es sich als praktisch erwiesen, hier ebenfalls eine Basis zu haben.«
Wir erreichten ein Tor in der Mitte der hinteren Mauer oder eher im hinteren Gebäude. Valorn blieb davor stehen und schaute hinauf. Die Mauer war hoch, allerdings so am Rand des Hügels erbaut, dass das oberste Stockwerk des Schlosses sie um einiges überragte.
»Dein Fall wäre vermutlich etwas, das sich in Carlean besser erforschen ließe, aber ich bin sicher, unser Anführer kann aus diesem Bild bereits einiges schließen.«
»Selbst wenn nicht, bin ich schon froh, dass ich ihn kennenlernen kann.«
Valorn betrachtete mich einen Moment, dann glitt sein Blick zu Alha. Ich konnte den Finger nicht genau darauf legen, aber irgendetwas sagte mir, dass er gerade etwas dachte, was mir nicht gefallen würde. Er seufzte und deutete zur Tür.
»Bitte. Wenn dein Schicksal wirklich etwas mit den Drachen zu tun hat, sollten wir es nicht zu lange hinauszögern.« Er öffnete die Tür und führte mich ins Quartier der Edélin.

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