8 Bestimmung

»Ist das …« Valorn verstummte und beugte sich dichter über die Schale.
»Du hast eine Idee?« Ich konnte mir nicht erklären, was dieses Ding sein sollte. »Hat es etwas mit den Edélin zu tun?«
Valorn warf mir einen Seitenblick zu und deutete auf die Schale. »Solltest du dir nicht lieber den Rest ansehen, bevor wir darüber sprechen?«
»Sicher.« Ich konzentrierte mich wieder auf das Bild im Wasser.
Die Spitze eines Berges zeigte sich zwischen den Wolken. Der Schatten hielt geradewegs darauf zu. Jeden Moment würde er aufschlagen. Ich hob die Hände und sah fort. Von der Hauptstraße drangen Stimmen herein, doch Alhas Haus war still. Ich spähte zwischen meinen Fingern hervor.
Der Schatten erreichte den Berg, drehte sich in der Luft und schoss aus den Wolken heraus dem Boden entgegen. Vor den schneebedeckten Gipfeln erstrahlte der ganze Körper in glänzendem Rot. Das Wesen hatte Flügel, einen langen schuppenbedeckten Schweif und Pranken, die in scharfen Krallen endeten. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.
Es flog weiter hinab, schlug mit den Flügeln und landete in einem Tal. Eine Person stand daneben, ein Buch in der Hand. Sie blickte zu den schneebedeckten Berggipfeln auf, in den wolkenverhangenen Himmel.
Ich blinzelte. Das war ich. Ich wollte Valorn fragen, doch er betrachtete angespannt das Bild im Wasser. Ich wandte mich genauso wieder um und sah gerade noch, wie ich in einer Höhle verschwand, während das schuppige rote Ding draußen wartete, als sei das das Normalste von der Welt.
Die vereiste Landschaft verblasste und machte einer grünen Wiese Platz. Zwölf Bäume wuchsen dort in einem Kreis und in ihrer Mitte wartete eine Frau. Sie hielt etwas in der Hand, doch ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, was es sein sollte. Sie sprach mit meinem Abbild, deutete auf einen der Bäume, dann verschwand auch dieses Bild und ich blickte durch das Wasser auf den Grund der Schale.
Für einen Moment schaute ich nur ungläubig drein. Was hatte ich da gerade gesehen? Ich wandte mich zu Valorn um und hob fragend die Brauen.
»Hm.« Er lehnte sich zurück und schaute Alha an, als sei ich überhaupt nicht anwesend. »Eine recht … eigenartige Vision.«
Die Tadelda lächelte, griff sich die Schale und brachte sie zurück in die Küche. »Dein Freund hat wohl ein spannenderes Leben vor sich als wir. Er wird mehr sehen als nur die Hauptstadt.«
»Hm.« Valorn faltete die Hände. »Spannend in der Tat. Jetzt bereue ich, dich nicht in unser Quartier eingeladen zu haben.«
»Oh? Du hättest wohl gern noch eine zweite Meinung?« Alha kam zurück und ließ sich wieder auf ihren Platz fallen. Ihr Blick kehrte zu mir zurück. »Was meinst du, Talliwen?«
»Ich kann nicht wirklich etwas damit anfangen. Was war dieses rote Wesen?«
»Das sollte Valorn dir eher beantworten können.«
Wir wandten uns beide zu ihm um, doch Valorn wandte den Blick ab. »Das ist etwas, das ich erst überprüfen muss.«
»Aber du hast sicher eine Idee.« Alha wartete, doch er gab keine Antwort. »Valorn? Woran denkst du?«
»Ein paar alte Geschichten.« Er wandte sich zu mir um. »Würdest du das Schloss gern sehen?«
Ich tauschte einen Blick mit Alha. »Ist das dein Ernst?«
Er nickte. »Ich könnte dir alles zeigen und dir ein paar Leute vorstellen. Du kannst natürlich auch mitkommen.« Er nickte Alha zu.
»In das Heiligtum der Edélin?«
»Heiligtum?« Ich horchte auf. Ich hatte vom Heiligtum der Tadelda gehört, wie sie ihren Schrein an der Heiligen Quelle auch nannten, aber noch nie von einem Heiligtum der Edélin.
Valorn schüttelte den Kopf und erhob sich. »Sie meint unser Quartier im Schloss. Normalerweise betritt es niemand, der nicht zu uns gehört.«
»Ist es in Ordnung, wenn du uns mitnimmst?«
Er nickte und deutete zur Tür. »Wir sollten sofort gehen. Was wir gerade gesehen haben … Das dürfte nicht nur für dich interessant sein.« Er wandte sich ab und verließ das Haus.
Verwirrt sah ich zu Alha, doch sie lächelte nur, griff sich ihren Mantel von der Garderobe und winkte mich mit sich. »Komm, Talliwen. Du hast Glück, so ein Angebot von Valorn zu bekommen. Normalerweise ist er nicht so zugänglich.« Sie lachte und schloss die Tür hinter mir.
Ich hätte gern nachgefragt, was genau sie damit meinte, aber Valorn warf uns einen Blick über die Schulter zu. Er wirkte ungeduldig. Was auch immer dieses Wesen aus dem Wasserbild war, es musste eine große Bedeutung haben. Konnte das wirklich etwas mit meiner Zukunft zu tun haben?
»Komm.« Alha griff meinen Arm und ließ sich von mir vom Hinterhof führen. Valorn hatte breits einiges an Vorsprung gewonnen und eilte die Straße hinab.
Ich schüttelte den Kopf. »Meine Güte, man könnte meinen, ein Bär sei hinter ihm her, so wie er rennt.«
»Die Vision hat ihm einen gehörigen Schrecken eingejagt. Valorn ist zu ernsthaft, um das lange ruhen zu lassen.«
»Aber warum?«
Alha lächelte und tätschelte meinen Arm. Offenbar war ihr Eindruck von mir nicht allzu viel besser als der meiner bisherigen Bekanntschaften. »Selbst wenn wir so schnell laufen würden wie Valorn bräuchten wir eine Weile bis zum Schloss. Lass mich dir solange etwas erzählen.« Sie seufzte und sah Valorn nach, der alle paar Schritte stehen blieb und ungeduldig darauf wartete, dass wir zu ihm aufschlossen. »Wenn Valorn es nicht mit Gewissheit sagen kann, ist mir das erst recht nicht möglich. Aber was wir am Anfang dieser Vision gesehen haben, hatte viel Ähnlichkeit mit dem, was in alten Geschichten aus dem Süden überliefert ist: Es könnte ein Drache sein.«

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