7 Zukunftsblick

Ich erzählte Alha alles, ohne auch nur die kleinste Kleinigkeit auszulassen. Sie war eine Tadelda, das hieß, eine mächtige Seherin. Wenn sie wusste, worum es ging und für mich einen Blick in die Zukunft warf, konnte sie vielleicht herausfinden, was ich tun musste. Dann würde ich Marais Aufgabe schnell erledigt haben und es noch rechtzeitig nach Hause schaffen.
Alha schmunzelte und nippte langsam an ihrem Tee. Ich meinte zu sehen, wie sie einen Blick mit Valorn tauschte, aber ich dachte mir nichts dabei. Im Nachhinein betrachtet, war ich wohl nur seine Ausrede, bei ihr vorbeizuschauen, und sie wusste das. Es schien sie zu amüsieren.
»Dann sollte ich dir wohl helfen.« Sie stellte ihre Tasse ab, als sei es keine große Sache und stand auf. Halb erwartete ich, dass sie uns auffordern würde ihr zu folgen und dass sie uns an einen magischen Ort führte, doch Alha ging nur zu einer Kommode und holte eine gläserne Schale heraus.
Enttäuscht lehnte ich mich im Sessel zurück. Weder die Edélin noch die Tadelda waren das, was ich erwartet hatte. Sie wirkten wie ganz normale Menschen. Selbst mir fiel es in diesem Moment schwer zu verstehen, weshalb wir sie beinahe als Heilige verehrten, dabei hatte ich mein Leben lang die Geschichten über sie gehört.
»Was machst du?«
Alha schaute lächelnd auf, antwortete aber nicht. Stumm sah ich zu, wie sie die Schale auf dem Tisch abstellte, in die Küche verschwand und mit einer Karaffe wiederkehrte. Ohne Eile goss sie Wasser in die Schale und stellte die Karaffe an den Rand. Alle drei sahen wir zu, wie das Wasser hin und her schwappte.
»Du hast sicher von den Heiligen Quellen von Serma gehört?«
Ich nickte. »Das ist doch die Quelle bei eurem Schrein, oder nicht?«
Alha nickte. »Ja. Die meisten Visionen der Priesterinnen werden an diesen Quellen empfangen. Aber du hast vielleicht gehört, dass Tadelda — die ursprüngliche Seherin, nach der unser Orden benannt wurde — ihre Quelle am Ufer des Telrenn empfing.«
»Das weiß doch jeder.«
»Und trotzdem glauben viele Leute, wir bräuchten die Heiligen Quellen, um etwas zu sehen.« Sie zwinkerte mir zu und deutete auf das Wasser in der Schale, das sich mittlerweile beruhigt hatte. »So viel reicht aus. Im Grunde brauchen wir das Wasser nicht einmal, aber für jemanden wie mich ist es nötig, um die Vision auch jemand anderem zeigen zu können.«
»Für jemanden wie dich?« Ich verstand nicht ganz, was sie meinte. »Ist es, weil du nicht mehr im Orden bist?« Mein Blick fuhr zu Valorn. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese Geschichte mehr mit ihm zu tun hatte, als er zugab.
Valorn erwiderte meinen Blick ärgerlich. Er schien zu wissen, was mir durch den Kopf ging. »Die Tadelda besitzen genauso wenig wie die Edélin oder normale Magier dieselben Fähigkeiten.«
Alha nickte. »Ich bin keine sehr begabte Seherin.«
»Das kann man so nicht —«
Ihr Blick brachte Valorn zum Verstummen. Ich presste die Lippen zusammen und versuchte das Lachen zurückzuhalten. Auch wenn er nicht so beeindruckend war, wie ich mir die Edélin vorgestellt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er sich so etwas von jedem gefallen lassen würde.
Alha wandte sich wieder mir zu. »Also, wollen wir einen Blick auf deine Zukunft werfen? Ich kann nicht versprechen, dass du viel oder sehr deutlich sehen wirst, aber einen kleinen Eindruck solltest du bekommen.«
»Werde ich dann mein Versprechen halten können?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das musst du sehen.«
Ich runzelte die Stirn, aber eigentlich gab es nicht viel nachzudenken: Ich würde sehen müssen, was Alha herausfinden konnte. Ich nickte. »Lass es uns versuchen.«
Sie nickte, ließ sich neben mir auf den Boden gleiten und legte die Hände an den Rand der Schale. Das Wasser schwappte umher, bildete einen Strudel und leuchtete. Ein goldener Schimmer überzog die Oberfläche, fing das Licht im Raum ein und offenbarte nach und nach ein Bild:
Fluffige weiße Wolken zogen über den Himmel. Ein Schatten zeigte sich dahinter, wurde breiter, schließlich wieder schmaler. Ich legte den Kopf auf die Seite, doch an dem Bild in der Schale änderte sich nichts. Ich konnte nicht erkennen, was den Schatten verursachte. Ich sah zu Alha hinüber, doch sie konzentrierte sich auf das Wasser. Auch Valorn achtete nicht auf mich, doch er runzelte die Stirn, als könnte er mehr aus dem Bild schließen als ich.
Ich wandte mich wieder der Schale zu: Etwas Rotes tauchte zwischen den Wolken auf. Schuppen überzogen die Oberfläche wie bei einem Fisch, doch zwei Löcher zeigten sich in der Mitte. Es erinnerte mich an die Schnauze eines Pferds.
Was war groß, schuppig, hatte eine Pferdeschnauze und flog im Himmel? Und was hatte dieses Ding mit mir zu tun? Ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen.

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