6 Begegnungen

Der Edélin nickte. »Heute ist es zu spät, aber ich bringe dich morgen früh zu ihr. Wir werden sehen, was sie über deine Zukunft zu sagen hat.«
Ich nickte und wir verabschiedeten uns für den Moment. Ich brauche es vermutlich nicht zu sagen, aber in dieser Nacht tat ich kein Auge zu. Ich hatte einen Edélin getroffen, morgen würde ich eine Tadelda kennenlernen. Dies schienen mir eindeutig die spannendsten Tage meines Lebens zu sein. Im Rückblick auf alles, was davor lag, stimmte das wohl auch.
Noch vor Sonnenaufgang hastete ich zurück nach unten. Zu meiner Überraschung saß der Edélin bereits wieder auf dem Platz am Fenster. Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte glauben können, er hätte sich die ganze Nacht über nicht bewegt.
Ich eilte hinüber und ließ mich auf den anderen Stuhl fallen. »Wann gehen wir?«
Sein Blick fuhr zum Fenster. »Von mir aus sofort. Alha sollte um diese Zeit bereits wach sein.«
»Großartig!« Ich sprang auf und wartete ungeduldig darauf, dass er sich ebenfalls erhob und zur Tür ging. »Oh!« Ich blieb stehen, als er nach draußen trat, und er wandte sich verwundert zu mir um. »Talliwen.« Ich deutete auf mich und schenkte ihm ein Lächeln. In der Aufregung gestern hatte ich völlig vergessen, mich ihm vorzustellen.
Er starrte mich an, hob die Brauen und schüttelte den Kopf. »Valorn. Und jetzt komm.« Ohne länger zu warten ging er voraus.
»Valorn?« Ich schloss die Tür und lief ihm nach. Ich wollte etwas hinzufügen, aber er sah nicht aus, als hätte er jetzt den Kopf dafür frei. Ob es auch für einen Edélin etwas besonderes war, eine echte Tadelda aufzusuchen?
Wir liefen durch die Gassen von Rogulda, ohne jemandem zu begegnen. Aus den Häusern drangen bereits die Geräusche des beginnenden Tages, doch noch war niemand draußen zu sehen. Valorn führte mich zur Mitte der Stadt und durch eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern und in einen Hinterhof.
Ich sah mich um, in der festen Erwartung, einen ganz besonderen Ort vorzufinden, doch alles wirkte normal: Die Häuser ringsherum maßen nur ein Stockwerk, die Balken, aus denen sie erbaut waren, waren nicht einmal gestrichen und etliche Stellen waren eingedellt, als fehlten dort bereits Stücke. Staub und Kratzer überzogen die Fenster und die Vorhänge dahinter wirkten ebenfalls, als hätten sie schon bessere Zeiten gesehen. Alles in allem war dieser Hinterhof nicht sehr beeindruckend.
»Hier lebt wirklich eine Tadelda?«
»Eine ehemalige.« Valorn ging zu einer der Türen und klopfte.
Drinnen näherten sich leise Schritte der Tür. »Wer ist da?« Es war die Stimme einer Frau. Sie schien direkt hinter der Tür zu warten.
»Ich bin es. Valorn.« Er trat einen Schritt zurück. Drinnen drehte sich der Knauf und eine Frau streckte vorsichtig den Kopf heraus.
»Valorn?« Sie blinzelte überrascht und bekam ein Lächeln von ihm. Die beiden schienen sich besser zu kennen. Die Tadelda erwiderte sein Lächeln und öffnete die Tür komplett. »Dich habe ich ja ewig nicht mehr gesehen. Wie geht es dir? Komm rein!« Sie deutete nach drinnen.
Valorn nickte. »Darf ich dir zuvor Talliwen vorstellen?« Er deutete zu mir nach hinten.
Ich nickte ihr zu und faltete die Hände vor der Brust. »Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich eine Tadelda kennenlernen darf.«
Alha lachte. »Ich bin schon seit ein paar Jahren keine offizielle Priesterin mehr. Komm. Valorns Freunde sind meine Freunde. Wie wäre es mit einer Tasse Tee?« Sie wandte sich um und lief durch den Flur ins Innere des Hauses.
Ich sah mich neugierig um, aber auch hier sah es nicht viel beeindruckender aus als im Hof: Ihre Möbel mussten schon etliche Jahre alt sein, der Teppich war abgelaufen und zerfaserte an den Rändern. Lebte so wirklich eine Tadelda?
Alha bot uns einen Platz an und verschwand in der Küche. Ich hörte sie mit Geschirr klappern und nutzte die Zeit, um zu Valorn zu schauen. Er konnte mir sicher mehr über sie verraten. Doch Valorn beachtete mich gar nicht. Er saß stumm neben mir und blickte in Richtung Küche.
Verwirrt musterte ich ihn. »Dürfen Edélin Beziehungen haben?«
Er wandte mir den Kopf zu und hob die Brauen. »Wie bitte?«
»Ihr Edélin. Dürft ihr Beziehungen haben?«
»Natürlich.« Er runzelte die Stirn. »Was lässt dich glauben, dass wir das nicht dürfen?«
Ich überlegte. So genau hatte ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. »Ich weiß nicht. Ich bin einfach davon ausgegangen. Ich meine, ihr seid sowas wie Heilige. Die Tadelda genauso.«
Valorn schüttelte den Kopf. »Wie kommst du überhaupt darauf?«
Ich deutete zur Küchentür. Valorn sah hinüber und schüttelte angespannt den Kopf.
»Das …«
Alhas Lachen drang aus der Küche herüber und sie kam zurück. »Wir sind nur befreundet. Valorn ist so mit seinen Aufgaben als Edélin beschäftigt, er hätte gar keine Zeit, sich um eine Frau zu kümmern.« Sie trug die Tassen herüber, stellte sie vor uns ab und setzte sich auf die andere Seite. »Also, was kann ich für dich tun, Talliwen?«

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