5 Glück im Unglück?

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nachdem man mich am ersten Tor aufgehalten und am zweiten sogar abgewiesen hatte, schien sich das Blatt nun völlig gewendet zu haben. »Dann kannst du mir wirklich helfen!«
Er nickte, doch dabei wirkte er weniger euphorisch als ich erwartet hätte. Nachdem er meine Geschichte gehört hatte, sollte er doch eigentlich daran interessiert sein, dass ich meine Aufgabe so schnell wie möglich erledigte, oder nicht? Wer würde junger Liebe nicht auf den Weg helfen wollen?
»Ich kann dir durchaus helfen. Ich kann dir sagen, woran man einen Edélin erkennt. Ich könnte dir auch den ein oder anderen vorstellen oder dich sogar ins Schloss bringen. Allerdings …« Sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Nur eine Laterne auf der anderen Seite der Straße verbreitete ein wenig Licht. »Es wird dir nichts bringen.«
»Warum?«
Er seufzte. »Selbst wenn wir davon ausgehen, dass sie ihr Versprechen ernst meint: Die Edélin können dir nicht geben, wonach du suchst. Ich weiß einiges über magische Gegenstände und was du beschrieben hast, gehört zu keinem von denen, die wir besitzen. Und wenn es so wäre, würden wir ihn nicht einfach herausgeben.«
Ich runzelte die Stirn. »Warum?«, fragte ich noch einmal. Die Edélin waren dazu da, den Bewohnern von Maradeom zu helfen. Weshalb hätten sie mir das Kleid, nachdem Marai gefragt hatte, nicht geben sollen?
Sein Blick kehrte zu mir zurück und wanderte über mein Gesicht. »Du scheinst das ernst zu meinen.«
»Natürlich.« Man sehe mir diese Antwort nach. Ich war jung, unerfahren und wusste so wenig von der Welt, dass es ein Wunder war, dass ich geschafft hatte, nach Rogulda zu kommen und einen Edélin zu finden. Diesen Umstand hatte ich ohnehin eher meinem Glück als meinen Fähigkeiten zu verdanken.
Er seufzte und wandte sich zu der Frau am Empfang um. Ich folgte seinem Blick: Sie sah zu uns herüber. Von den anderen Gästen war nichts mehr zu sehen. Der Edélin winkte sie heran. »Ich denke, wir brauchen nichts mehr. Wenn es in Ordnung für Euch ist, würden wir noch eine Weile hier sitzen bleiben.«
»Aber sicher. Kann ich noch etwas anderes für Euch tun?«
Er schüttelte den Kopf. »Danke, aber nein. Ihr könnt auch gehen, wenn Ihr wollt.«
Sie nickte und verschwand durch einen Durchgang auf der anderen Seite des Empfangs. Bei niemand anderem hätte sie das wohl gemacht, aber den Edélin vertraut man. Vermutlich wird das noch bei vielen Gegebenheiten zu merken sein, von denen ich zu erzählen habe.
Der Edélin beugte sich zu mir vor. Sein Blick hielt meinen und ich spürte, dass die Dinge, die er vorhatte mir zu erzählen, großen Einfluss auf mein Leben nehmen würden.
»Magische Gegenstände besitzen zum Teil große Kräfte. In den falschen Händen sind sie gefährlich.« Ich wollte ihn noch einmal nach dem Grund fragen, doch er hob die Hand und unterbrach mich. »Nehmen wir an, du hättest ein scharfes Messer, wie der beste aller Köche es verwendet. Würdest du es einem Kind in die Hände geben?«
»Natürlich nicht! Damit würde es sich doch verletzen.« Ich konnte nicht glauben, dass er so etwas überhaupt vorschlug.
Der Edélin nickte. »Würdest du es dann einem Erwachsenen geben?«
»Sicher. Was könnte schon passieren?«
»Auch wenn derjenige sich nicht mit der Kunst des Kochens auskennt?«
Ich runzelte die Stirn. »Nun, dann könnte er vermutlich kaum etwas damit anfangen. Warum sollte ich es ihm geben?«
»Weil er danach fragt.«
»Aber was will er damit?«
»Was willst du mit einem magischen Kleid?«
Ich starrte ihn an. Er erwiderte ruhig meinen Blick. »Das kann man nicht vergleichen.«
»Warum?«
»Das Kleid ist für Marai. Sie würde toll darin aussehen. Und mit einem Kleid kann man niemanden verletzen.«
Er schüttelte den Kopf. »Die Magie eines Gegenstands ist wie die Klinge eines Messers: Man kann sie nutzen, um etwas Wundervolles daraus zu erschaffen, aber wenn man sich nicht darauf versteht, sie anzuwenden, kann man sich oder andere damit verletzen. Als Edélin ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass solche Macht nicht in die Hände der falschen — oder auch unwissender — Leute kommt. Und meine Brüder werden dir sicher nichts anderes sagen.«
»Aber wie erfülle ich dann das Versprechen, das ich Marai gegeben habe?« Ich schürzte die Lippen. Ich verstand schon, was er meinte. Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, was ein Kleidungsstück schlimmes anrichten konnte, für andere Gegenstände galt das sicher. Trotzdem konnte ich nicht einfach vergessen, weshalb ich aufgebrochen war.
»Das weiß ich nicht.« Er lehnte sich zurück. »Aber ich weiß vielleicht, wer dir helfen kann.«
Ich hob die Brauen. Er hatte ja versprochen, mir zu helfen, doch ich hätte nie gedacht, so viel Glück auf einmal zu haben. Jetzt hatte ich nicht nur einen Edélin gefunden, sondern stand auch noch kurz davor, den nächsten Hinweis zu erhalten. »Wer?« Am liebsten wäre ich sofort aufgesprungen und zu dieser Person gelaufen.
»Ihr Name lautet Alha und sie war früher eine Seherin der Tadelda.«
»Eine Tadelda?« Ungläubig starrte ich ihn an. Konnte es wirklich sein, dass ich nach einem Edélin nun auch noch eine Person aus der zweiten großen Magierklasse Maradeoms kennenlernen würde? Mein Glück war wirklich nicht zu verachten.

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