4 Wie das Leben spielt

»Einen Edélin?«, wiederholte er langsam, als wollte er sichergehen, dass er sich nicht nur verhört hatte.
Ich nickte. »Ja, ich brauche Hilfe bei einem Problem und ich glaube, es könnte mit Magie zu tun haben.« Tatsächlich war ich mir dabei gar nicht so sicher, aber es konnte nicht schaden, jemanden zu fragen, der sich damit auskannte. Selbst wenn ich heute daran zurückdenke, finde ich diese Entscheidung eigentlich richtig.
»Um was für ein Problem handelt es sich denn?«
»Ich muss etwas finden, von dem ich annehme, dass es ein magischer Gegenstand ist. Die Edélin sollten sich doch mit so etwas auskennen?« Ich sah ihn fragend an.
Er nickte. »Wenn es um magische Gegenstände geht, ja. Die Frage ist: Was willst du damit?«
»Es ist ein Geschenk. Vielleicht willst du die Geschichte dazu hören?« Ich konnte kaum erwarten, sie ihm zu erzählen. Wenn er erst wusste, um was es ging, würde er mir sicher gern helfen, einen der Edélin zu finden und Marais Wunsch zu erfüllen. Wer konnte schon nein sagen, wenn es um Liebe ging?
Er nickte erneut, wenn auch etwas zögerlicher. »Wenn es um einen magischen Gegenstand geht …« Sein Blick fuhr an mir vorbei und ich wandte mich um. Die Frau von zuvor kam gerade zurück und stellte mir einen dampfenden Teller hin. Sie warf einen unsicheren Blick zu dem anderen, doch er sagte nichts und schließlich ging sie zurück nach vorn.
»Du wirst es vermutlich nicht glauben.« Ich griff nach dem Löffel und überlegte, wo ich mit meiner Geschichte anfangen sollte. Es fiel mir damals nicht leichter als heute, wenn ich ehrlich bin. Dabei war es zu dem Zeitpunkt, als ich dort mit ihm im Gasthaus saß, noch gar nicht so lange her. »Es begann alles gestern.« Ich stürzte mich auf mein Essen sowie in meine Geschichte und versuchte ihm begreiflich zu machen, wie wichtig Marai mir war. Die meiste Zeit über erntete ich allerdings nur verständnislose Blicke.
Ich stoppte, als ich an dem Punkt angekommen war, als ich ihn traf, und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, was er dachte. Er wirkte immer noch, als wüsste er nicht, wovon ich da sprach.
»Bin ich so ein schlechter Erzähler?«
»Das ist die absurdeste Geschichte, die ich je gehört habe.« Schweigend griff er das Wasserglas, das vor ihm auf dem Tisch stand.
Ich überlegte, was ich dazu sagen könnte. Doch wenn ich ehrlich bin, verstand ich ihn genauso wenig wie er mich. »Was ist so absurd daran?«
»Alles. Warum würde sich jemand auf so eine Forderung einlassen? Sie wollte dich ganz offensichtlich nur aus dem Weg haben.«
»Bestimmt nicht. Marai ist … schon etwas eigensinnig. Aber sie hätte doch auch einfach nein sagen können?«
»Vermutlich hält sie dich genauso für einen Schwachkopf wie die Dame dort vorn.« Er sah mich erstaunlich ernst an, während er das sagte. Damals glaubte ich trotzdem, dass er nur scherzte. Heute weiß ich das Gegenteil.
Hatte ich erwähnt, dass ich im Moment in der Weltenbibliothek lebe? Hier gibt es für jedes Wesen in den zwölf Welten ein Buch, in dem jedes Erlebnis, jede Empfindung und jeder Gedanke der Person aufgezeichnet sind. Ich habe nachgesehen, was er in jenem Moment damals dachte. Lasst es mich so sagen: Sein erster Eindruck von mir war alles andere als positiv.
»Also willst du mir nicht helfen?«
Er seufzte. »Angenommen, ich helfe dir und du findest dieses Kleid wirklich und das sogar noch bis zum Frühlingsfest: Glaubst du wirklich, dass sie ihr Versprechen hält?«
»Natürlich.«
»Und wenn du es nicht rechtzeitig findest, selbst wenn ich dir helfe?«
»Dann ist nächstes Jahr auch noch ein Frühlingsfest. Ich hätte kein Problem damit, mehr von Rogulda zu sehen, bevor ich nach Hause zurückkehre.« Ich lächelte, innerlich sehr zufrieden mit dieser Antwort. Vermutlich meißelte ich damit seine Meinung über mich nur in Stein.
»Du hast wirklich noch nie einen Edélin gesehen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sind sie nicht immer nur in Rogulda?«
»Dann hätte das Reich wenig von ihrer Existenz. Sie sind nicht nur für die Hauptstadt da.«
»Das macht Sinn. Maradeom hat so viele Einwohner mehr … Denkst du, sie helfen mir?«
Zum ersten Mal seit ich ihn in diesem Gasthaus gesehen hatte, kräuselten sich seine Lippen zu so etwas wie einem Lächeln. »Sicher. Wer könnte nach so einer charmanten Bitte schon nein sagen?«
»Das ist gut. Also, wie finden wir einen?«
»Sie tragen weiße Uniformen.«
»So wie deine?« Mir war während meiner Geschichte bereits aufgefallen, dass er höchst seltsame Kleidung trug. Der normale Bewohner Maradeoms — und das schien auch auf die Menschen in Rogulda zuzutreffen — trug schlichte Kleidung, wenn er nicht gerade sehr reich war. Es gab durchaus Farben, aber die meisten waren eher dunkel. Der Mann vor mir trug Kleidung in strahlendem Weiß. Und ja, wenn ich sie genau betrachtete, dann hatte die Form etwas von einer Uniform.
»Ziemlich genau so.« Er sagte nichts weiter, aber ich verstand: Der Mann, den ich durch Zufall angesprochen hatte, gehörte genau zu den Personen, nach denen ich gesucht hatte. Er war ein Edélin.

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