3 Auf der Suche nach den Magiern

Wir starrten einander an, ohne so recht zu wissen, was wir sagen sollten. Die beiden Ritter tauschten einen Blick. »Was wollt Ihr hier?«
»Ich suche nach einem Magier.« Ich deutete hinter das Tor. »Aus dem Schloss.«
Ich muss dazu sagen: Die Magier aus dem Schloss sind anders. Jeder in meiner Heimat Maradeom beherrscht Magie, aber nicht auf diese Art. Wir nennen diese Leute Edélin. Sie besitzen von Geburt an größere magische Kräfte und man bringt sie ins Schloss, um sie darin zu unterrichten. Der Rest von uns lernt seine Magie nebenbei. Sie taugt für alles, was man im Alltag braucht, aber das, was darüber hinausgeht, überlässt man besser den Edélin.
»Welchem?« Der Ritter vor mir kniff die Augen zusammen.
»Einem. Egal welchem. Ich brauche ihre Hilfe.«
Wieder tauschten die beiden einen Blick. Vermutlich war mein Anliegen auch zu ungewöhnlich, als dass sie einfach nachgegeben hätten. Später sollte ich verstehen, dass man nicht einfach am Tor zum Schloss auftauchte und nach einem Edélin fragte.
»Ich denke, Ihr geht besser.«
»Es ist mir wirklich wichtig.«
»Sicher. Und jetzt geht.« Der Ritter trat vor mich und deutete die Straße hinab. Ich überlegte, was ich noch sagen könnte, doch mir fiel nichts ein.
Ich ließ den Kopf sinken und nickte stumm. Mein Blick glitt an ihm vorbei auf den Hof vor dem Schloss: Männer in schwarzen und weißen Uniformen liefen umher, manche trugen Rüstungen wie die beiden vor mir und ab und an sah ich Frauen in leichten Kleidern, die wohl im Schloss lebten. Nirgendwo sah ich jemanden, der mir helfen konnte. Woran erkannte man die Edélin? Ich hatte oft von ihren erstaunlichen Kräften gehört, aber nie davon, was sie sonst ausmachte.
»Wird das heute noch etwas?« Der Ritter machte noch einen Schritt auf mich zu und ich wandte mich schnell ab. Ich lief ein Stück die Straße hinab, bog in eine Seitengasse ab und lehnte mich gegen eine Hauswand. Seufzend ließ ich mich daran hinabgleiten.
»Das war wohl nichts.« So viel also zu meinem Plan, Hilfe von einem der Magier aus dem Schloss zu bekommen. Was sollte ich jetzt machen? Ich war noch nicht lange in Rogulda, aber noch hatte ich überhaupt nichts erreicht. Der Himmel färbte sich bereits rot.
Ich sah zurück zur Hauptstraße. Heute würde ich nichts mehr erreichen. Was ich jetzt brauchte, war ein Platz für die Nacht. Sicher gab es irgendwo in der Nähe ein nettes Gasthaus und dort könnte ich auch gleich nach den Edélin fragen. Sie blieben bestimmt nicht nur im Schloss. Ich musste nur herausfinden, woran ich sie erkennen konnte, dann konnte ich genauso gut einen auf der Straße finden. Das konnte nicht so schwer sein.
Mit neuem Mut rappelte ich mich auf und lief zurück Richtung Hafen. Ich kannte mich in Rogulda nicht aus, aber ich war ziemlich sicher, dass ein Zimmer in einem der Gasthäuser in der Nähe des Schlosses nicht ganz meinem Geldbeutel entsprach. Am Hafen würde das anders aussehen.
Die Farben der Häuser und Straßen verblassten mit dem schwindenden Licht zu tristem Grau. Ich beschleunigte meine Schritte und hielt schließlich vor einem kleinen Gebäude, aus dessen Fenstern Kerzenschein drang. Ein Schild hing neben der Tür, doch mittlerweile war es zu dunkel, um erkennen zu können, was darauf stand. Nun, einen Versuch war es wert, also öffnete ich die Tür und streckte den Kopf hinein.
Tische standen über den Raum verteilt, von denen die Hälfte belegt war. Die Leute unterhielten sich leise, fast so, als wollten sie nicht stören. So hatte ich mir ein Gasthaus in der Hauptstadt nicht vorgestellt. Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir. Auf der anderen Seite des Raums stand ein größerer Tisch. Eine junge Frau saß dahinter und blickte mir entgegen.
Ich erwiderte ihr Lächeln und ging auf sie zu. »Das hier ist ein Gasthaus, ja?« Ich wollte nur sichergehen, doch ihr Blick sprach Bände darüber, wie unsinnig sie die Frage fand. Nun, dies war der zweite Tag meiner Reise, man möge es mir nicht vorwerfen. Manche Dinge muss man erst lernen.
»Ja. Du möchtest ein Zimmer?« Ich nickte und sie hielt drei Finger in die Höhe. »Drei Tari. Drei.« Sie betonte jedes einzelne Wort, als wäre ich schwer von Begriff.
Unsicher, was ich sagen sollte, zog ich den Beutel mit dem wenigen Geld hervor, das ich besaß, und legte ihr die Summe auf den Tisch. Sie nickte, verstaute das Geld unter dem Tisch und stand auf.
»Ich bringe dich hin.«
»Oh das …« Ich sah zurück zu den anderen Tischen. Die Leute dort schienen sich alle zu kennen. Es wäre unhöflich gewesen, mich einfach dazu zu setzen. Aber hier war die beste Chance, etwas über die Edélin herauszufinden. Ich blickte mich weiter um und entdeckte einen Mann, der allein in einer schmalen Nische vor dem Fenster saß. Perfekt! Ich hatte auf Anhieb ein gutes Gefühl bei ihm. »Kann ich noch etwas zu essen haben?« Ich wandte mich wieder zu der Frau um.
»Sicher.«
»Ich setze mich dort drüben hin, ja?« Ich deutete zu dem Mann und sie nickte wieder. Ich meinte ihren Blick im Rücken zu spüren, als ich hinüberlief, doch ich achtete nicht weiter darauf. Ich zog den Stuhl ihm gegenüber zurück und ließ mich darauf fallen. »Du bist auch auf Reisen?«
Er hatte aus dem Fenster geblickt und wandte sich erst jetzt zu mir um. Neugierig betrachtete ich ihn. Er hatte blondes Haar und strahlend blaue Augen. Keine einzige Falte zeigte sich auf seinem Gesicht und seine Haut wirkte, als hätte sie in ihrem Leben kaum Sonne gesehen. Er konnte nicht viel älter sein als ich, womöglich war er sogar ein paar Jahre jünger.
Sein Blick glitt von meinem Gesicht zu der Frau vom Empfang, die noch immer da stand, als ich auch zu ihr zurück sah.
»Nicht? Dann bist du aus Rogulda?« Auch wenn er noch nicht geantwortet hatte, machte mir die Aussicht darauf, dass er von hier war, Hoffnung. »Das ist großartig. Kann ich dich etwas fragen?«
Er blinzelte und nickte schließlich. Es wirkte zögerlich, als wüsste er selbst nicht so recht, ob er überhaupt mit mir reden sollte. Doch offenbar hatte er sich dazu durchringen können.
»Wenn du aus Rogulda bist, hast du doch sicher schon oft Leute aus dem Schloss gesehen, oder?« Ich stützte die Arme auf die Tischplatte und beugte mich zu ihm vor. »Kannst du mir sagen, woran man einen Edélin erkennt?«
Seine blonden Brauen hoben sich ein Stück und diesmal verstand ich den Blick, den ich bekam, auf Anhieb: Er hielt mich ebenfalls für schwachsinnig. Das sollte wohl mein Schicksal sein.

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