2 Roguldas Türme

Wo hätte ich Marais Wunsch besser erfüllen können als in Maradeoms sagenumwobener Hauptstadt Rogulda? Tausende Geschichten ranken sich um diesen Ort und auch wenn ich mich beeilen musste, um noch vor dem Frühlingsfest wieder zuhause zu sein, konnte ich es kaum erwarten, zumindest einige davon zu entdecken. So machte ich mich noch am selben Abend auf den Weg, bevor die Gerüchte sich im Dorf herumgesprochen hatten.
Mein Weg führte mich zum Ufer des Telrenn, der Maradeom von der Hochebene von Lamina im Norden bis zur südlichen Grenze durchzieht. Ihm folgte ich in Richtung des Meeres, wobei es eigentlich falsch ist, das so zu sagen. Der Telrenn ist nicht wirklich ein Fluss oder zumindest denke ich so nicht von ihm. Seinen Ursprung hat er im Gebirge und ein Teil fließt in das Meer, das Maradeom mit den Inseln der Nordreiche verbindet. Doch ein anderer Teil fließt Richtung Süden und endet in einem Meer, von dem ich an jenem Tag, als ich Roguldas Türme das erste Mal erblickte, noch nicht einmal gehört hatte.
Ich sollte also wohl eher sagen, dass ich entgegen der Richtung ging, in die dieser Arm des Telrenn floss. Doch wie auch immer man es nennen mag, der Fluss führte mich an mein Ziel.
Die Sonne erreichte am dritten Tag gerade ihren Zenit, als vor dem Schatten des Gebirges der Umriss der Stadt sichtbar wurde. Ich finde, Rogulda sieht aus der Ferne aus wie eine riesige Schildkröte: Hinter der äußeren Mauer ragen die Dächer der Häuser wie einzelne Platten auf und führen immer weiter in die Höhe, bis schließlich hinter der zweiten Mauer nur noch ein Gebäude liegt. Drei Turmspitzen ragen wie Zacken von diesem Gebäude in der Mitte der Stadt auf. Wenn ich es mir recht überlege, sieht Rogulda vielleicht eher wie eine Schildkröte mit einer Krone auf dem Rücken aus.
Noch vor den Toren blieb ich stehen. Ich konnte nicht fassen, was ich da sah. All die Geschichten, die ich über Rogulda gehört hatte, fielen mir mit einem Mal wieder ein. Dies war der Ort, der in den Prophezeiungen der Tadelda vorkam, der Ort, an dem unser Reich seinen Anfang gefunden hatte. Und nun war ich dort.
Ich ging den Rest des Weges bis zum Tor und stellte mich in die Reihe der Reisenden. Um diese Zeit kamen viele Menschen nach Rogulda und die Soldaten der Stadt durchsuchten jeden, um zu verhindern, dass ein Unglück geschah. Ich wartete, bis ich an der Reihe war und schenkte dem Mann vor mir ein Lächeln.
Er machte sich nicht die Mühe zurückzulächeln. »Kein Gepäck?«
Ich schüttelte den Kopf und wartete, dass ich ebenfalls eingelassen wurde. Hinter mir warteten längst nicht so viele Leute, wie vor mir angekommen waren, doch die Soldaten beeilten sich normalerweise. Ich schien die Ausnahme zu sein. Damals kam es mir nicht weiter seltsam vor, schließlich war ich das erste Mal in der Stadt, doch später wurde mir bewusst, dass der Mann vor mir mich für höchst verdächtig hielt.
»Waffen?«
»Nie.«
Der Soldat hob die Brauen und ließ den Blick über meine Gestalt wandern. »Weshalb wollt Ihr nach Rogulda?«
»Ich soll etwas holen.« Ich überlegte, ob ich ihm die ganze Geschichte erzählen sollte, doch irgendwie wirkte er nicht, als wollte er sie hören.
Er tauschte einen Blick mit dem zweiten Soldaten, dann nickte er. Ich dachte nicht weiter darüber nach und trat durch das Tor. Fast wäre ich stehengeblieben, doch meine Neugierde war stärker als die Faszination gegenüber dem Anblick vor mir. Ich ging die Hauptstraße hinauf. Wohnhäuser säumten sie zu beiden Seiten, die wohl den Adligen von Rogulda gehören mussten. Ich betrachtete die grünen Vorhänge und die ebenso grünen Fahnen, die neben den Fenstern herabhingen. Eine goldene Sonne prangte in der Mitte, das Symbol der Königsfamilie. Rogulda war wirklich das Herz Maradeoms. In unserem Dorf hatte ich noch nie eine der Fahnen gesehen.
Hinter einem der Häuser bog ich ab und fand mich in einer Seitenstraße wieder. Die Mauern des Hauses führten ein gutes Stück den Weg hinab. Es musste wirklich einer einflussreichen Familie gehören. Ob ich Leute aus so einer Familie auch sehen würde?
Ich schüttelte den Kopf. Das spielte im Moment keine Rolle. Ich folgte den Seitenstraßen, bis ich auf eine Brücke stieß. Wie ich bereits geschrieben hatte: Ein Arm des Telrenn fließt direkt aus dem Gebirge herab und ins nördliche Meer. Ein Teil des Wassers sucht sich dabei seinen Weg durch die Stadt und so finden sich überall in Rogulda Brücken.
Ich lief bis zur Mitte der Brücke, blieb stehen und blickte ins Wasser hinab. Wenn ich ihm folgte, würde ich beim Hafen landen. Und dann? Mir wurde klar, dass ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Ich war davon ausgegangen, dass ich in Rogulda finden würde, worum Marai mich gebeten hatte, aber weiter hatte ich nicht gedacht. Wo genau sollte ich jetzt hin? Marai wollte nicht irgendein Kleid. Es würde nicht so einfach sein, das richtige zu finden. Wo fragte man in so einem Fall? Oder wen?
Ich sah mich um, doch die Straße war verlassen.
Ich lief über die Brücke und suchte mir meinen Weg in Richtung des Schlosses. Ein Kleid wie aus einem Traum? Von so etwas würden sicher nur Leute wissen, die sich wirklich gut mit Magie auskannten, und wenn ich mich nicht irrte, würde ich im Schloss genau solche Leute finden.
Die Mauer, die das Schloss umgab, tauchte hinter den Häusern auf und ich beschleunigte meine Schritte. Mein Weg führte mich zurück zur Hauptstraße und schließlich stand ich vor einem weiteren Tor. Die Ritter dort sahen mich nicht weniger misstrauisch an, als der am Eingang der Stadt. Mein Plan, hier um Hilfe zu bitten, war wohl doch nicht so leicht umzusetzen wie gedacht.

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