1 Aufbruch

Habt ihr jemals von ›Talliwen Ormhin, dem großen Abenteurer‹, gehört? Nun, das bin ich oder zumindest nannte man mich so, als ich noch in Maradeom lebte. Es ist so dies und das passiert und schließlich fand ich mich als Unsterblicher in einer riesigen Bibliothek wieder, obwohl ich irgendwann einmal als Mensch aufgebrochen war. Ich habe zwölf Welten bereist, und ich denke, ich kann schon von mir sagen, dass ich dabei eine Menge erlebt habe.
Eigentlich kann gar keine Rede von Abenteuern sein. Ich würde das Reisen nennen. Das ist ein großer Unterschied: Abenteurer sind Helden. Reisende sind … mehr so wie ich. Ja, man trifft mal auf einen Drachen, aber dann unterhält man sich nur oder man reist eine Weile zusammen. Man braucht keine magischen Schwerter oder mächtigen Artefakte. Eigentlich braucht man nur zwei Füße. Ja, vielleicht kann es nicht schaden, wenn man ein bisschen offen ist. Drachen sind jetzt nicht unbedingt feindselig, aber da gibt es noch ganz andere Leute, denen man begegnen kann. Offen sein hilft. Und reden. Damit bin ich weit gekommen.
Trotzdem muss ich gestehen, dass ich auch vieles gesehen habe, das mich um die Zukunft dieser Welt — all dieser Welten — bangen lässt. Merkwürdige Dinge gehen an vielerlei Orten vor sich und manchmal habe ich gedacht, dass es gut wäre, wenn sich ihnen jemand annehmen würde. Jemand, der so etwas wirklich kann. Ich war jedenfalls nie so eine Person. Ein kleines Problem? Ja, das kann gut sein. Aber die Probleme einer ganzen Welt kann ich nicht lösen. Ich denke aber, dass ich dabei helfen kann.
Deshalb habe ich beschlossen, mein Wissen niederzuschreiben, wie ich es einst schon einmal getan habe. In jede der zwölf Welten will ich dieses Wissen bringen und wenn sich nach mir noch einmal jemand auf eine Wanderung begibt, dann findet er es vielleicht und es wird ihm auf seinem Weg und den Welten im Allgemeinen helfen.
Aber lasst mich ganz von vorn beginnen:

Mein Name ist Talliwen Ormhin und ich war dreiundzwanzig Jahre und ein halbes alt, als ich damals aufbrach, um mein Heimatreich zu erkunden. Mein Heimatreich, das ist Maradeom, wie ich oben schon schrieb. Zumindest nennen wir es bei uns so. In den anderen Welten hätte man sicher einen völlig anderen Namen dafür.
Ich lebte nicht weit von der Küste entfernt. Der Wind trug salzige Luft in mein Dorf und wenn man eine Weile ging, konnte man die Möwen kreischen hören.
Das ist noch etwas, das ich euch schnell erzählen muss, bevor ich mit der Geschichte weitermachen kann: Auch in meinem Dorf gab es eine Möwe. Sie tauchte auf, kurz bevor ich mich entschloss, meine Reise anzutreten. So eine Möwe war ein ungewöhnlicher Anblick bei uns. Wir waren doch zu weit vom Meer entfernt, um oft welche zu sehen. Nur selten verirrten sie sich mal zu uns und wenn, dann verschwanden sie immer recht bald. Diese jedoch blieb. Die Kinder warfen Steine nach ihr, doch sie war zu klug, um sich je treffen zu lassen. Sie schien allerdings auch nicht daran zu denken, ihren Platz für lange Zeit zu verlassen, ganz als hätte sie sich für immer in unserem Dorf einnisten wollen.
Irgendwann fand ich heraus, woran es lag: Was sich zu uns verirrt hatte, war keine Möwe, sondern ein Schicksalsbote.
Was ein Schicksalsbote ist? Ich sehe schon, ich sollte noch einmal von vorne anfangen, wenn ich alles richtig erklären will. Aber nein, lasst mich bei der Entscheidung weitermachen, die ich angedeutet habe. Ihr werdet bald ohnehin erfahren, was es mit der Möwe und den Schicksalsboten auf sich hat.
Wie ich sagte: Ich entschied mich, meine Heimat zu verlassen. Was mich dazu brachte — und es bringt mich etwas in Verlegenheit, das heute zu sagen — war eine Frau. Ihr Name war Marai und in unserem Dorf war sie die Schönste.
Es war kein großes Geheimnis, dass alle Männer im Umkreis von sieben Meilen in sie verliebt waren. Meine Chancen waren recht gering, aber trotzdem wollte ich nicht aufgeben, bevor ich es nicht versucht hatte. Ich dachte schon immer, dass man bereits verloren hat, wenn man es nicht probiert.
In meiner schönsten Kleidung ging ich zu ihr. Das Frühlingsfest stand bald bevor und ich war fest entschlossen sie zu fragen, ob sie mich dorthin begleiten würde. Wir standen auf der Wiese nicht weit von unserem Dorf, wo die anderen uns sehen, aber nicht hören konnten. Der Wind trug unsere Stimmen nach Osten, wo sie irgendwo in der Ferne verhallten.
Ich betrachtete Marai, wie sie dort stand: Der Wind spielte mit ihrem blonden Haar, das blaue Kleid schmeichelte ihrer Figur und ihre blauen Augen schienen zu leuchten. Sie war wie eine Erscheinung, eine Göttin, die die Gestalt eines Menschen angenommen hatte. Wunderschön und unerreichbar.
Mein Entschluss geriet an dieser Stelle etwas ins Wanken. Marai hatte nicht wenige Männer abgelehnt und wer wäre ich, eine Göttin um ihre Zeit zu bitten?
Marai hob die blonden Brauen, ohne dass sich etwas an ihrem süßen Lächeln änderte. »Wolltest du etwas besprechen, Talliwen?«
Ich nickte. »Ich hatte mich gefragt …« Ich brach ab und starrte auf meine Füße. Meine Idee erschien mir mit jedem Wort weniger gut. Andererseits konnte sie nicht mehr tun, als mich abzulehnen. Und es hinterher im Dorf herumerzählen. Hatte ich erwähnt, dass Marai zwar für ihre Schönheit, aber nicht unbedingt für ihren guten Charakter bekannt war? Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was das überhaupt bedeutete. »Würdest du vielleicht mit mir zum Frühlingsfest gehen?« Ich hob den Blick zu ihr.
Ihre Lippen schienen zu zucken, als hätte meine Frage sie amüsiert. Jetzt würde ich eine ihrer berühmten Abfuhren zu spüren bekommen, so viel war mir klar. Doch nein, es kam ganz anders. Marais Lächeln wurde breiter. »Aber natürlich, Talliwen. Weshalb nicht? Da wäre nur eine Sache, die du erledigen müsstest …« Ihre Stimme verlor sich und sie blickte über die Wiese hinweg gen Norden.
Wäre ich damals ein aufmerksamerer Beobachter und weniger in sie vernarrt gewesen, ich hätte schon in diesem Moment gewusst, dass trotz ihrer freundlichen Worte etwas schief gelaufen war. »Was ist es?«, fragte ich sie so jedoch und war fest entschlossen, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen.
»Ich kann doch unmöglich so mit dir auf das Frühlingsfest gehen.« Sie legte die Hand an die Brust und lächelte. »Ich muss gestehen, ich dachte mir schon, dass du mich nach dem Frühlingsfest fragen würdest. Wenn ich ehrlich bin: Heute Nacht im Traum habe ich etwas gesehen. Das muss ein gutes Omen sein. Wenn du das Kleid aus diesem Traum finden kannst, dann gehe ich mit dir.«
»Kein Problem.« Das war eines von vielen vorschnellen Versprechen, die ich auf meinen Reisen gab. Aber auf jeden Fall war es das dümmste. Trotzdem habe ich es nie bereut.
Marai lächelte mich strahlend an, trat einen Schritt näher und griff meine Hände. Mein Herz machte einen Satz. Das musste meine Chance sein! »Ich habe es genau vor mir gesehen: Es ist aus einem Faden gewoben, dessen Farbe sich ändert: Im Sonnenlicht ist es golden, im Mondschein silbern und wenn du dich damit auf der Stelle drehst, schillert es in allen Farben des Regenbogens. Das Kleid ist außerdem weich wie Samt und leicht wie Seide. Im Sommer ist es kühl darin und im Winter warm. Und wer immer es trägt, wird darin aussehen wie eine Prinzessin.«
Mein Lächeln fiel langsam in sich zusammen, während sie sprach. Ein solches Kleid … Wo sollte ich es finden?
Doch Marai tätschelte meine Wange. »Es wird dir sicher nicht schwerfallen. Bis zum Frühlingsfest sind es noch zwei Wochen, bis dahin hast du es sicher gefunden und hierher gebracht.« Sie ließ meine Hand los, lächelte noch einmal und lief davon.
Ich konnte ihr nur sprachlos nachsehen. Ihre Aufgabe schien mir alles andere als leicht zu sein. Aber wenn ich sie auf das Fest begleiten wollte, musste ich es tun, schließlich hatte ich es versprochen.
»Immerhin ist es ein gutes Omen.«
So begann meine Reise durch Maradeom und durch die zwölf Welten von Evedir.

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